
Während Acco Sycath stramm auf Herzog Barradac´s Hof zuhielt, erreichte Bjarn von Stijn die Stelle, an der Kiro Ycooth lag. Der alte Mann begutachtete die Schulterverletzung des bewusstlos am Boden Liegenden und erkannte an der Wundenform deren Verursacher. Er rüttelte Ycooth, bis dieser zu sich kam.
Wer, wo, was? Ycooth war verwirrt und geschwächt. Ohne Gegenwehr ließ er sich von dem bärtigen Alten auf dessen Pferd hieven.
Einige Tage später verließen die beiden den bislang endlos wirkenden Wald und gelangten in ein offenes Land. Der Regen endete und Ycooth wurde wieder kräftiger. Von Stijn hatte mit Kräutern und Fleischbrühe seinen Teil dazu beigetragen, dass Ycooth überleben konnte. Sie hatten bislang kaum gesprochen, doch nun bedankte sich Ycooth ausführlich, berichtete in allen Einzelheiten über seine Begegnungen mit dem Biest und mit dem starken Fremden und fragte, warum von Stijn ihn überhaupt mit sich genommen hatte. Von Stijn hatte aufmerksam zugehört und sagte dann: „Eurer Beschreibung nach seid Ihr auf Acco Sycath getroffen, einen Feldmarschall des Herzogs Barradac. Er war sicher auf dem Weg zum Hof. Mein Bestreben ist es, das Biest endgültig zur Strecke zu bringen, habe ich doch in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder mit ihm zu tun gehabt. Diese Geißel muss aus der Welt verschwinden. Ihr wurdet verschont – hätte das Biest Euch töten wollen, hätte es Euch problemlos aufspüren können in jener Nacht. Ihr könnt mir behilflich sein bei meiner Mission – etwas an Euch scheint dem Biest nicht zu behagen. Das wird mir sicher noch nützlich sein.“ Ycooth war momentan alles recht und so nickte er, fragte jedoch nach: „Mit welcher Waffe wollt Ihr es töten? Ich sehe keine Chance für zwei Menschen gegen dieses Wesen. Und warum verlassen wir den Wald? Dort haust es doch, oder?“ Von Stijn antwortete: „Es haust überall und nirgends, doch vermute ich stark, dass es den Wald verlassen hast. Es folgt Sycath.“ „Warum das?“, rief Ycooth überrascht aus. Von Stijn erklärte: „Er fügte ihm einst die schwerste Verletzung zu – es will Rache.“
Acco Sycath hatte seinen Herzog Barradac erreicht, ihm alles berichtet, was für den Aufbruch des herzöglichen Heeres relevant schien und der Herzog hatte unverzüglich die Tore der Hoffeste öffnen lassen und das Heer in Marsch gesetzt. Ohne eine Verschnaufpause gehabt zu haben, ritt Sycath mit zwei anderen Marschällen der Streitmacht vorweg, der Herzog stand auf den den Mauern der Feste und sah ihm nach.
„Warum bebt die Erde? Was sind dies für Schreie?“, fragte Ycooth als er fernes Grollen, Trompeten und Schreie aus dem Wind heraushören konnte. Von Stijn sagte besorgt: „Ein Heer. Eine Armee zieht nach Norden.“ Die Sturmkrähen im Wind krächzten und freuten sich scheinbar auf das bevorstehende Festmahl nach einer blutigen Schlacht. Von Stijn lenkte sein Pferd in eine Hügelkette und suchte einen geeigneten Aussichtspunkt. Als er einen gefunden hatte, blickten er und Ycooth ungläubig in die Ebene unter ihnen. „Was für eine Streitmacht!“, rief Ycooth aus und der erfahrene Bjarn schüttelte bedauernd den Kopf: „Dieser Krieg ist unnötig wie ein Kropf. Er wird die Welt in Blut tauchen.“ Ycooth deutete auf die drei prächtig ausgestatteten Reiter, die dem Heer voraus ritten und meinte: „Einer von denen könnte doch dieser Sycath sein, nicht wahr?“ Von Stijn bejahte dies, denn er erkannte Sycath sogar aus dieser Entfernung sehr genau. Das Biest würde es nicht wagen, dieses Heer zu attackieren, doch würde es Sycath sicher in gebührendem Abstand folgen, jetzt, da es ihn endlich aufgespürt hatte. Von Stijn beschloss, dem Heer ebenfalls unentdeckt zu folgen. Abermals fragte Ycooth, mit welcher Waffe der Alte das Biest denn zur Strecke bringen wollte, doch wieder gab es darauf keine Antwort.
Acco Sycath war zufrieden mit der Geschwindigkeit des Vormarsches, doch geriet er allmählich in Zweifel darüber, ob das Ziel des Feldzuges überhaupt erreichbar war. Und warum dachte immer wieder er an diesen schwachen Fremden, der den Angriff des Biestes überlebt hatte? Hätte er ihn doch aussprechen lassen, als dieser seine Herkunft enthüllen wollte. Aus welchem Hause kam er bloß? Trotz seines erbärmlichen Zustands hatte dieser Mensch doch eine gewisse Ausstrahlung besessen, die Sycath wohl davon abgehalten hatte, ihn zu erschlagen.
Nach einigen Wochen erreichte das Heer Barradacs das südliche große Binnenmeer und begann mit dessen Umrundung nach Osten hin. Von Stijn und Ycooth blieben ihm auf den Versen und vom Biest war weit und breit nichts zu sehen. Viele weitere Wochen später schlug das Heer seine erste Schlacht gegen ein kleines, fimisches Aufgebot und war siegreich. Es gab hunderte Tote auf beiden Seiten und als von Stijn und Ycooth einen Tag nach der Schlacht über das mit Leichen übersäte Schlachtfeld ritten – es war eine von hellem Mondlicht erleuchtete Nacht – sahen sie das Biest. Es verschlang gierig menschliche Körper und war so im Fressrausch, dass es die beiden Lebenden erst nicht bemerkte. Von Stijn ließ Ycooth absitzen und stieß einen unheimlichen Schrei aus, welcher das Biest aufhorchen ließ. Es erblickte das Pferd und den Alten nicht, da von Stijn sich in eine nahe Baumgruppe zurückgezogen hatte, doch es erspähte sofort den einsam in der Landschaft stehenden Ycooth. Langsam kam es näher. Ycooth fürchtete sich, doch er wusste ja vom Plan des Alten, der Ycooth die Rolle des Köders zugedachte. Das Biest, das den tiefsten Spalten Unterlands entstiegen zu sein schien, war bis auf zehn Meter herangekommen - es schnaufte und knurrte, musterte und witterte ausführlich den Menschen vor sich. Von Stijn war beeindruckt – es musste wirklich etwas an diesem unscheinbaren jungen Mann sein, wenn das Biest derart zögerte. Als das Biest sein Maul öffnete und brüllte war der Moment gekommen, in dem von Stijn aus dem Hinterhalt heraus mit einem Blasrohr einen winzigen Pfeil abschoss, der dem Biest in den Rachen fuhr. Sofort sprang es wütend und brüllend umher, knickte ein, zappelte und strampelte. Von Stijn ritt zu Ycooth und dieser sprang aufs Pferd. „Dieses Gift muss einfach jedem Wesen dieser Welt den Tod bescheren, doch kann kein Pfeil die Haut des Biestes durchdringen. Ich musste nah an das geöffnete Maul heran. Das war es also nun. Es ist getan!“, frohlockte von Stijn, doch Ycooth beobachte das wütend umher jagende Biest skeptisch. Es floh in die Nacht und von Stijn nahm die Verfolgung auf. Nach einigen Minuten war es außer Sichtweite und von Stijn unbeschreiblich niedergeschlagen. Selbst dieses Gift hatte das Biest nicht töten können – die tödliche Wirkung hätte längst einsetzen müssen. „Was nun?“, stellte Ycooth die entscheidende Frage. Von Stijn schluchzte: „Ich bin alt und habe so viele Jahre... meine Jagd ist vorbei.“ Bevor Ycooth etwas dagegen tun konnte, ritzte der Alte sich in den Arm und einen winzigen Tropfen Gift und einen Augenblick später fiel er tot vom Pferd.