Ycooth war ein wenig betrübt über den Tod des Alten, doch im Grunde hatte er ihn kaum gekannt. Als Dank für von Stijn´s Hilfe nahm er sich Zeit für ein ordentliches Begräbnis – es war das einzige Grab, das auf diesem Schlachtfeld zurückblieb. Ein stummer Zeuge vieler Leben, die beendet wurden. Ycooth hatte nun wieder ein Pferd und dazu die Vorräte von Stijns´, konnte reiten wohin er wollte. Nach einigem Grübeln gewann seine Neugier und er folgte weiter dem Heer um herauszufinden, was dieser Krieg zu bedeuten hatte.
Sycath und das Heer aus dem Süden stießen weiter nach Norden vor und nahmen die erste befestigte Stadt im Sturm. Einige Tage später stellte sich ihnen jedoch eine fimische Armee in den Weg, die an Stärke um das zweifache überlegen war. Die menschliche Streitmacht unterlag und es gab abertausende von Toten. Sycath war von einem Pfeil getroffen worden und hatte Schmerzen, ihm war jedoch die Flucht gelungen. Nicht aus Feigheit war er geflohen, sondern um seinen Herzog vor dem womöglich drohenden Gegenangriff zu warnen und die Verteidigung zu organisieren. Die Niederlage hatte ihn nicht in seiner persönlichen Ehre getroffen, denn schließlich trug er keine Schuld daran, dass Barradac den Gegner derart unterschätzt hatte. Es wurde Abend, als er wieder am großen Binnenmeer entlang ritt. Die Schusswunde im Bauch schmerzte höllisch, doch Sycath hielt sich krampfhaft im Sattel. Alles wäre wohl gut gegangen, wenn nicht ein alter Bekannter aufgetaucht wäre.
Die Bestie wusste, dass nun die Zeit der Rache gekommen war. Das war dieser Südmensch, der ihr einst ein Bein abgeschlagen und ihre Partnerin getötet hatte. In der roten Abenddämmerung sprang sie Sycath am Strand des Meeres in den Weg und fletschte die Zähne. Ihr Brüllen glättete die Wellen und Sycath zog die Zügel an. Sein Pferd kam zum Stehen und wieherte nervös. Er zog sein Schwert und konnte es nur unter weiteren Schmerzen drohend über seinen Kopf stemmen, so dass es die Abendsonne reflektierend auffing. Die Bestie kam näher – sie wollte die Rache langsam und schmerzhaft gestalten, sie genießen. Sycath´ Pferd bäumte sich voller Furcht auf und er stürzte in den Sand. Das Pferd lief von Panik ergriffen davon und dem kräftigen Sycath schwanden nun, nach den Kräften, auch allmählich die Sinne. „Hol mich, Mistvieh! Teufelsfratze! Beenden wir´s!“, rief er der Bestie trotzig entgegen und spuckte. Um sich herum nahm er nichts mehr wahr – nicht das glitzernde Meer, nicht den warmen Abendwind .... und nicht den im vollen Galopp nahenden Reiter, der sich der vor lauter blutrünstiger Vorfreude ebenfalls unaufmerksamen Bestie von Osten näherte.
Die Bestie sprang, Sycath stolperte nach hinten und konnte sein Schwert nicht mehr hochreißen, doch in diesem Moment sprang der herbeigeeilt Ycooth im vollen Galopp von seinem Pferd, das Schwert nach vorn gestreckt. Er war ein mächtiger Pfeil aus Mensch und Schwert, beschleunigt vom Ritt, und unter blutroter Sonne traf dieser Pfeil die Bestie mitten im Sprung. Die Bestie war groß und schwer und doch wurde sie durch den Aufprall einige Meter fortgeschleudert. Ycooth´ Schwert hatte sich durch die panzerartige Haut hindurch in die Kehle des Biests gebohrt und Ycooth dachte nicht daran, das Schwert loszulassen. Gemeinsam mit der Bestie stürzte er ins Meer. Sycath hatte die Augen geschlossen und seinen Tod erwartet, doch dann hörte er den Schrei eines Menschen und einen Moment später das Aufheulen und Röcheln der Bestie, gefolgt von einem gewaltigen Platschen. Er stand rasch wieder auf und sah, was vor sich ging. Der scheinbar verletzte Fremde, den er vor Beginn des Krieges im Wald verschont hatte, schwamm mühsam dem Strand entgegen. Hinter ihm veranstaltete der riesige Körper der Bestie im Wasser ein ungeheures Getöse. Sie brüllte, zappelte und wand sich, doch bald schon wurde Sycath klar, dass es nicht nur das in ihrer Kehle steckende Schwert war, das ihr Probleme bereitete. Diese Bestie des Waldes, der Steppen und der Berge konnte nicht schwimmen und ertrank, zuletzt kläglich jaulend und zuckend, im Meer.
Sycath packte Ycooth und zog ihn an Land. Der Aufprall hatte Ycooth die Schulterblätter und einen Arm gebrochen – ein Wunder, dass er dennoch einige Meter weit hatte schwimmen können. „Warum... hast Du... ?“, fragte Sycath von Dankbarkeit erfüllt. Ycooth wusste es selbst nicht genau. Einerseits war es der Dank, im Wald verschont worden zu sein, andererseits ein gewisser Hass auf etwas solch Überflüssiges und Bösartiges wie die Bestie. Hinzu kam der Wunsch, Bjarn von Stijn nachträglich dessen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen. Doch da war noch etwas... Ycooth hatte oft an Sycath denken müssen – ebenso wie dieser an Ycooth. Beide sprachen dieses nun auch aus und fragten sich, woran dies wohl läge. Sycath fragte: „Sagt mir, Freund, aus welchem Hause und aus welchem Lande stammt Ihr?“ Anstatt es auszusprechen holte Ycooth ein Amulett hervor, welches das Wappen seiner Familie zeigte. Er wusste nicht, aus welchem Land er stammte, doch Angehörige seiner Familie hatte er an den unterschiedlichsten Orten der Welt aufgespürt. Nun jedoch hielte er sich für den letzten noch lebenden Vertreter des Hauses. Sycath starrte das Amulett ungläubig an und holte seinerseits ein Amulett hervor – es zeigte das gleiche Wappen. „Ich wusste nie, was es zu bedeuten hat.“, sagte er leise und verwirrt, fügte dann hinzu: „Nur dass meine Eltern irgendwo am Gartho lebten.“ „Am Gartho?“, rief Ycooth und fuhr aufgeregt fort: „Genau wie meine. Ich hatte einen Bruder, der nach Süden..... Dann seid Ihr.... Bist Du....“
Sycath kehrte niemals mehr zu Herzog Barradac oder nach Südland zurück. Er und sein Bruder Ycooth ritten nach Nordosten, bis sie den damals nur Gartho genannten Fluss erreicht hatten. Auf der monatelangen, gefahrvollen Reise retteten sie sich gegenseitig ein ums andere Mal das Leben und schließlich kehrten die Brüder heim ins Land ihrer Väter. Sie gründeten Familien und ein Angehöriger ihres Hauses spielte viele Jahrhunderte später eine äußerst wichtige Rolle in der Geschichte Zentriums.