Tamy Pleja (Prolog)

Tamy rannte. Sie rannte so schnell wie sie noch niemals gerannt war. Zumindest dachte sie das. Der Himmel stand hoch – wie kann der Himmel hoch stehen? – doch sie sah ihn nur ängstlich an, versuchte ihn zu ignorieren. Er war so hoch, dass sie die Erde unter ihren Füßen als einsame Welt im Kosmos wahrzunehmen begann. Keinen nahen Himmel zu haben kam ihr so vor, als verlöre sie den Boden unter den Füßen, als setze bald die Schwerkraft aus und höbe sie empor. Niemand würde sie schreien hören in dieser Einsamkeit. Die Academy konnte ihr gestohlen bleiben! Überhaupt alles konnte ihr gestohlen bleiben! Sie hasste diese Welt, die nur aus Fragen bestand. Aus fragenden, kritischen Blicken und herablassendem Tonfall in der Stimme der anderen. Tamy rannte und bald schwitzte sie. Ihr Herzschlag ließ die Adern am Hals heftig pulsieren. Der Weg war staubig und steinig, führte sanft empor zu den Hängen des Waldes. Er ragte wie eine Rampe in den Himmel, der sich dennoch immer weiter zu entfernen schien, je höher Tamy gelangte. Erst auf dem Scheitel des kleinen Berges blieb sie stehen und ließ sich in den Schmutz fallen. Sie atmete heftig und fror. Der kühle Frühjahrswind presste ihre schweißnassen Kleider an ihren schlanken Körper. Sie zitterte und stieß einige Flüche aus. Dann erst kam das, was ihre Augen sahen, in ihr Bewusstsein. In der Dunkelheit der sternenklaren Nacht hatte sie einen freien Blick über die gesamte Academy, dieses bunte Lichtspiel, das sich wie ein gigantischer Ammonit in das Tal gefräst hatte. „Du stinkende Urzeitschnecke!“, flüsterte Tamy dem Ammonit, in dem sie seit einem knappen Jahr lebte, zu. Dieses Schneckenhaus war am Tage bunt, in der Nacht leuchtete es dementsprechend. Die Academy war unbestreitbar schön – äußerlich zumindest. Wellen von violettem, pinkfarbenem und cyanblauem Licht pulsierten um die runden Steinhallen herum, dass es einem den Atem rauben konnte. Tamy indessen kam allmählich wieder zu Atem. Die Anstrengung hatte die Wut erst gesteigert, dann aber doch abgeschwächt. Nun lag sie wie betäubt da und wusste nicht, ob sie weiter fluchen oder weinen sollte. Sie lag auf der Seite und sah sich die Academy an, die sich wie ein glitzerndes Geschenkpäckchen frech und unerschütterlich im eigenen Glanz sonnte. Schließlich erhob sie sich und ärgerte sich über sich selbst. Nach einer misslungenen Prüfung derartig auszuflippen! Gut, dass niemand wusste, wie labil sie an diesem Abend war.

Als sie vor dem Tor der Strudelki stand, hatte sie sich wieder unter Kontrolle. In ihr jammerte noch etwas, doch außer der ein wenig verschmutzten Uniform deutete nichts darauf hin, was sie getan hatte und wie sie sich fühlte. Der Wachmann salutierte und stellte keine Fragen. Tamy wusste, wie sehr die Wachleute es hassten, Anwärterinnen militärisch korrekt begrüßen zu müssen. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Sie sind seit Jahren oder Jahrzehnten im Cluster und sechzehnjährige Mädchen dürfen sie herumkommandieren. Sie versuchte, wenigstens immer freundlich zu ihnen zu sein. Das lag vielleicht auch daran, dass sie das Dreieck trug. Triangulum-Strudelki waren im Allgemeinen recht höflich, zurückhaltend und freundlich. Tamy fand die Verhaltensweise der anderen Systeme nicht besonders freundlich. Besonders Ava von den Rutae-Strudelki hatte scheinbar nichts anderes im Sinn, als Wachsoldaten zu demütigen. Ava! Ich hasse Dich! Wir werden niemals…, dachte Tamy mit geballten Fäusten, als ihr unvermittelt eine Zeigerin in die Quere kam. Erschrocken salutierte sie und bemühte sich um ein würdevolles „Durch den Tunnel!“. Die Zeigerin zeigte sich keineswegs erschrocken über den Beinahe-Zusammenprall und sah interessiert von ihrem Leseblock auf. Die alterslose Frau war groß und das Lächeln, das sie nun zeigte, machte sie sogar ein wenig schön, wenn sie dazu auch eigentlich nicht gerade geboren war. Tamy achtete erst jetzt auf das Symbol auf der rechten Brust der Zeigerin. Es war ein rotes, nach oben hin spitz zulaufendes, an den Seiten aber leicht gebogenes, gleichschenkliges Dreieck. Die rote Umrandung umfasste eine hellblaue Fläche. In eben diesem Blau hielt sich das Dreieck auf Tamy´s Uniform, dessen Fläche noch leer war und einfach genauso weiß wie die gesamte Uniform einer jeden Strudelka. Die Zeigerin hätte andere Farben tragen dürfen, doch auch sie trug Weiß. „So in Eile um diese Zeit, Küken?“, fragte sie, doch sie fragte freundlich und nicht streng und herablassend, wie Tamy es gewohnt war. „Jawohl, Systema, meine Zeigerin, eben deswegen. Es wird Zeit fürs Bett.“, antwortete Tamy. Sie fand es auch nach fast einem Jahr merkwürdig, dass beinahe alle Systema sie Küken nannten. Jedoch nannten sie die meisten Strudelki so. „So, Zeit fürs Bett? Wenn willst Du hier auf den Arm nehmen, Kind?“ Der Blick der Zeigerin war weniger streng, als ihre Worte es vermuten ließen. Sie ist noch ziemlich jung, glaube ich. Vielleicht hat sie Verständnis dafür, dass man sich nicht an alle Regeln hält. „Die Nacht ist so klar und ich wollte….“ „Sei still, Kind! Ich weiß wozu Ihr euch des nachts dort draußen herumtreibt. Jungen aus der Stadt kommen dorthin. Mit alten Automobilen und Motorrädern, manche gar in den Gleitkuflern ihrer Eltern. Wenn wir Euch doch als erstes dieses Übel austreiben könnten.“ Tyma bekam ein vor Wut rotes Gesicht, doch die Zeigerin interpretierte die Röte als Zeichen der Scham und fuhr fort: „Ich hoffe, es ist bei Küssen geblieben, Küken. Wenn eine von Euch durch den Unantastbarkeits-Test fällt, erwartete Euch Schlimmeres als die Degradierung.“ Tamy wollte sich verteidigen, doch die Zeigerin sprach weiter. „Und denke nicht, wir schicken Dich einfach nach Hause. Du bleibst und wirst lange bereuen, was Du einem fremden, dummen Jungen geschenkt hast.“ „Aber ich habe nicht…“, schrie Tamy, woraufhin sich die Augenbrauen der Zeigerin hochzogen und dort oben verharrten. Tamy biss sich auf die Lippe und knickste. „Verzeiht, Systema, meine Zeigerin.“ Ich weiß nicht wie sie heißt und sie will verdammt noch mal nicht einmal wissen wie ich heiße. Dass ich ein `Küken´ bin reicht ihr schon., dachte Tymy verärgert. Sie wusste, dass Mädchen anderer Systeme – natürlich nicht die Rutae-Strudelki – wirklich Treffen mit Jungs …. machten. Wozu auch immer. Was soll an denen schon spannend sein? Und schon gar nicht würde iuch mich auch noch vor einem ausziehen. Das ist doch völlig verrückt! Die Zeigerin blickte auf einmal wieder sanft drein. „Nun, es ist gut, Küken. Ich glaube Dir, dass Du rein geblieben bist. Ab ins Bett!“ Tamy knickste und nur langsam schwand das Rot ihrer Wangen. „Aber reinige auch Deine Lippen. Diese Küsse können allerhand rankheiten übertragen.“, fügte sie noch hinzu, sah dann wieder auf ihren Block und schritt weiter den Gang entlang. Tamy blieb mit geballten Fäusten stehen, knickste aber noch einmal höflich. Als ob ich so einen an mein Gesicht ranlasse! Pfui! Wütend rannte sie weiter zu ihrer Schlafzelle. Moray war schon drin, sagte aber nichts. Tamy warf ihre Kleider über eine Stuhllehne und redete wütend mit sich selbst. Erst als sie unter der Bettdecke lag, blickte Moray aus einem Buch auf und musterte die Freundin. „Wieder eingekriegt?“, fragte sie. „Ja.“, knurrte Tamy und dachte wieder an die misslungene Prüfung. Neuer Ehrgeiz brannte in ihr. Ich werde alle Prüfungen bestehen und dann selbst durch die Gänge marschieren, um andere zu ärgern. Ich will das und ich werde das. Ich werde ganz oben in der schillernden Schnecke landen! Bald schlief sie ein und träumte nichts, während Moray noch stundenlang weiterlas. Sie hatte bestanden und empfand Mitleid mit ihrer Freundin und Zellengenossin, wusste aber auch, dass Tamy es hasste bemitleidet zu werden. „Du bist schon so störrisch und stark wie viele es nie sein können.“, sagte sie leise, bevor sie dann doch das Licht löschte. „Aber wir sind eben nur Strudelki. Klappe halten, knicksen und lernen.“, fügte sie auch an sich selbst gerichtet hinzu und schlief ebenfalls ein. Das Schimmern der Schnecke erlosch erst im Sonnenaufgang.

 

1 Systemae

Tamy Pleja watschelte mehr als dass sie ging, als sie vollkommen verschlafen auf dem Weg zum Unterrichtsraum war. Die erste Lektion des Tages: Renn abends nicht rum, reg Dich nicht auf, geh eher schlafen! Sie traf nur wenige Strudelki auf ihrem knapp dreißigminütigen Weg durch die Academy. Die meisten Systemae hatten an diesem Morgen ein mentalgymnastisches Programm zu absolvieren. Erheblich spannender als dieser Mist hier! Tamy besuchte nun gezwungenermaßen einen Intensivierungskurs zur Vorbereitung auf die Prüfungswiederholung, der alle wesentlichen Disziplinen blockartig geballt auf die Teilnehmerinnen niederprasseln ließ. Als sie den Raum betrat bemerkte sie gleich, dass sie die einzige Triangulum-Strudelki war. Die Academy gliederte sich auf der untersten Ausbildungsebene der Strudelki in insgesamt zwölf Systemae, die mehr oder weniger nach geometrischen Figuren benannt waren. Das dementsprechende Zeichen auf der Uniform kennzeichnete jede einzelne Strudelka als Angehörige eines Systems. Die Systemae unterschieden sich nicht nur hinsichtlich inhaltlicher Lehrschwerpunkte, sondern auch ideologisch. Triangulum-Strudelki wie Tamy galten als ruhig, zuvorkommend und pflegeleicht. Kuschlige Wesen, die treu und brav ihre Arbeit machten, dabei sehr zielstrebig und fleißig waren. Darüber grinste Tamy nur allzu oft, denn sie fand sich keineswegs süß, niedlich oder übermäßig fleißig. Für sie stand das Dreieck auf ihrer Brust für etwas forsch Zustoßendes – naja, die meisten Zeigerinnen sahen das anders. Rutae-Strudelki hingegen waren streng, stark und vor allem männerhassend. Strebsame, harte Frauen, die selten lachten. Gerade dachte Tamy wieder an die verhasste Ava, aber die war offensichtlich nicht durchgefallen. Keine einzige Rutae ist durchgerasselt. Wie üblich. Es kotz mich an! Tamy sah niemanden, den sie kannte, was bei der hohen Zahl an Academy-Bewohnern kein Wunder war. Sie setzte sich neben eine Globuae-Strudelka. Tamy mochte die Mädchen des Globus-Systems mit dem Kreis auf der Brust. Sie waren zwar ein klein wenig zu fröhlich und strahlten wie die ebenfalls kreisrunde Sonne, aber zur Fröhlichkeit kam eben auch Einfühlungsvermögen. „Hallo.“, sagte das Mädchen mit dunkelbraunem Haar und strich sich Strähnchen hinter die Ohren. Sie grinste wie ein Honigkuchenpferd und zog die Schultern hoch. Merkwürdig. Sie sieht aus wie ein lachendes Huhn auf dem Misthaufen. Ok, Hühner lachen nicht. „Hi.“, erwiderte Tamy und zwang sich zu einem müden Grinsen.

 

...To be continued.......                                                                                                                  

 

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