Dies ist der gekürzte Prolog zur recht umfangreichen Geschichte des Bauernsohnes Rigabet Dollfir aus Millwing im Königreich Aron. Wie dem Kenner der Welt des Myrcius auffallen dürfte, spielt sie ebenso in Zentrium, hat mit Myrcius selbst jedoch nichts zu tun. Man könnte sagen, dass statt der Rigabet-Romane die Myrcius-Romane entstehen, denn die Rigabet-Idee gab es vorher.

Rigabet Dollfir verfolgte Musino Pallnerim nun schon einige Zeit und die Schmetterlinge begannen bereits, sich in die vereinzelten Leuchtstabdickichte zurückzuziehen, denn die glutrote Abendsonne versank hinter den nördlichen Hügeln. Rigabet verließ langsam die Lust an diesem Fang- und Versteckspiel und insgeheim hielt er es sogar für kindisch und hoffte, dass Jilmina ihn nicht dabei sehen würde. Aber Musino war nunmal ein Freund, wenn nicht sogar der beste. Rigabet grübelte darüber nach, wie lange er schon mit Musino befreundet war und er kam zu dem Ergebnis, dass es wohl schon immer so zwischen ihnen gewesen sein mußte wie es jetzt war, auch wenn ihre Väter sich nicht ganz grün waren. Er ließ sich auf einen Stein sinken, der mit Moos weich überzogen war und steckte sich einen Halm in den Mund, um darauf herumzukauen. Zehn Hauslängen weiter voraus zog der riesige Garthostrom sanft an Millwings kleinen Holzhäuschen vorbei und nur ganz sanft zu vernehmen war das Rauschen, das er dabei verursachte. Es war mehr ein zufriedenes Säuseln oder das Schnurren einer großen Katze. Rigabet war 17 Jahre alt und hatte auf dem Hof seines Vaters stets eifrig bei Ernte, Aussat und überhaupt jeder bäuerlichen Betätigung geholfen, die so im Laufe des Jahres anfallen konnte. Musinos Vater war der Dorfschmied und dessen Arbeit sah naturgemäß deutlich anders aus. Viellleicht einer der Gründe für die gegenseitige Abneigung der Eltern.

Musino strolchte gelangweilt auf der Kuhweide des Bauern Hoppstock herum und begann sich zu langweilen. Riga, wie er Rigabet nannte, gab sich mal wieder nur leidliche Mühe, ihn aufzuspüren, wie schon so viele Male zuvor. „Wo bist Du nur mit Deinen Gedanken?“, pflegte Musino ihn dann immer zu fragen, doch auch die Antwort kannte er schon. „Ich hab nur nachgedacht.“, war die Standardantwort Rigabets und Musino hatte es schon aufgegeben, weiter nachzufragen. Manchmal, das wußte er, war Jilmina Rautkraut der Grund und das konnte Musino wenigstens noch ganz gut verstehen. Sie war eine kleine rothaarige Schönheit mit einem niedlichen und zugleich verschmitzt verwegenem Lächeln, die durch ihre Funktion als Tochter des Dorfkrämers häufig mit interessanten Neuigkeiten aufwarten konnte. Na ja, was hier in Millwing so als interessant galt. Bauer Maiswies hatte sich eine neue Sau zugelegt und die Tochter der Burschenbüttels hatte doch tatsächlich den Sohn der Ahrenstätts geküsst. Ein Rudel Wölfe war am Rande des Weierforstes gesichtet worden oder ein Reisender aus Schwungfurt war in der Herberge „Zum reißenden Strome“ abgestiegen. Rigabet saugte solche Nachrichten in sich auf, wobei ihn besonders Reisende interessierten. Er berichtete für gewöhnlich seinen Vater von der Ankunft eines solchen Fabelwesens und bat ihn, doch in der Schenke mit ihm zu sprechen, doch der alte Dollfir war nicht interesssiert an „zwielichtem und betrügerischem Lügnerpack aus der Fremde“, wie er sich ausdrückte, und enttäuschte den jungen Rigabet Dollfir dann am nächsten Morgen mit den langweiligsten Nachrichten, die man in der Schenke überhaupt aufschnappen konnte. Musino kletterte über einen Weidenzaun und begab sich zurück in Richtung Millwing, wohl wissend, dass Riga nicht mehr nach ihm suchte.

Rigabet lag auf dem Rücken und sah in den Himmel, der noch zu hell war, um Sterne freizugeben. Er zerkaute seinen wohl zwanzigsten Grashalm und wurde langsam schläfrig. Was will ich denn? Hier gibt es doch alles, um ein glückliches Menschenleben zu führen?, dachte er und das Bild der lachenden Jilmina bestätigte ihn in diesen Gedanken. Doch irgendetwas fehlte ihm, irgendetwas war eben nicht in Ordnung und hinderte ihn so oft daran vergnügt zu sein. Er war zu belastet, zu schwerfällig, als dass er bei den meisten anderen Dorfjugendlichen beliebt gewesen wäre. Millwing war ein nettes Nest ohne schlimmere Verbrechen als Hühnerdiebstahl und ein verschlafenes obendrein – zumindest Rigabet sah das so. Nur einige Tagesreisen war die Königsstadt Aron des gleichnamigen Reiches von Millwing entfernt, und kaum jemand aus Millwing war jemals dort gewesen, in der goldenen Stadt. Rigas Ururgroßvater hatte sich einmal am Hofe melden müssen, um daraufhin seinen Dienst in den königlichen Armeen anzutreten. Damals war Krieg geführt worden gegen die Nordfimen, das wußte Rigabet, doch dass Fimen große, aufrechtgehende, intelligente, einäugige Reptilien waren, das wußte er nicht so genau. Es gab viele Gerüchte über sie, aber niemand aus Millwing hatte jemals eine Fime gesehen. Wie schrecklich die auch sein mochten, dennoch hätte Rigabet zu gern mal eine erblickt.

Plötzlich fiel etwas Dumpfes, Weiches, Raschelndes über ihn her und noch bevor er realisiert hatte, dass es sich um einen Haufen Heu handelte, hörte er schon Musinos Lachen. „Riga, Du pennst hier schon wieder vor Dich hin! Wenn Du nicht mehr spielen willst, mußt Du´s nur sagen!“ Musino verschränkte künstlich beleidigt die Arme. Rigabet kannte das schon und sortierte sich erst einmal in aller Ruhe das Heu aus seinen schulterlangen braunen Haaren, die so gut zu seinen braunen Augen passten. Musinos Augen waren eine undefinierbare Mischung aus allen Farben, aber bei seinen Haaren blieb kein Zweifel: Sie waren blond wie das Stroh und deutlich länger als Rigas. Die stoische Ruhe Rigabets ließ dem impulsiveren Musino nun keine Ruhe mehr: „Willst Du nun noch spielen oder nicht, Rigabet Dollfir? Ich kann meine Zeit auch mit jemand anderem verschwenden.“ Riga stand auf, lächelte Musino an und fasste ihn an die Schultern. „Liebend gern spiele ich mit Dir, Musino Pallnerim, mein Pallnerim. Aber ein anderes Spiel wäre mir mehr recht.“ Musino verschränkte weiter die Arme und blickte skeptisch drein. „Doch nicht wieder Schwertkampf mit alten Hölzern, Riga? Ich mag keine Gewaltspiele, das weißt Du, mein Dollfir!“ Rigabet hätte liebend gern eben dies vorgeschlagen, doch er ließ sich nichts anmerken. „Nächstes Mal spielen wir am Fluss. Er bietet viele Möglichkeiten. Du wirst sehen, mein Musino!“ Auch wenn Musino sich einige Sorgen bezüglich dieser Flussspiele machte, nickte er doch zustimmend. „Doch heute ist es zu spät.“, fuhr Riga fort. „Wie wäre es mit der Schenke?“ Musino riß die Augen auf. „Die Schenke? Rautwein, Rautbier und Rautschnaps? Wir beide?“ Bei diesem Gedanken blühte Musino regelrecht auf, doch dann kam ihm ein Problem in den Sinn: „Was ist mit unseren Älteren, mein Riga?“ „Unsere Väter sind doch heute auf der Vollversammlung des Dorfrates. Bis die zur Schenke kommen, sind wir längst zuhause, wirst sehen!“ So machte man denn nun diesen Plan und verabredete sich für die zweite Nachtstunde in der Schenke am Fluss.

Rigabet und Musino lebten in Millwing im Königreich Aron am Ufer des Garthostromes inmitten grüner Wiesen und Weiden, fruchtbarer Äcker, kleiner Dickichte und Wäldchen. Doch lebten sie auch in einer großen Welt des vielfältigen Lebens und der vielfältigen Länder und Kräfte, von denen sie nichts wußten und welche seit Jahrhunderten in relativer Gleichmäßigkeit bestehen konnten, abgesehen von Grenzkonflikten und Kriegen.