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Lukri und Dina: Der Kirchturm von Plaettora Im alten Glockenturm rumorte es, doch wer will schon an derart klischeehafte Geistereien glauben? Der Turm gehörte zur alten Kirche St. Elisabeth, die durch den Wegzug der Gemeinde ziemlich allein gelassen wurde. Das Bergbau-Dörfchen war bei Schließung der Grube verlassen worden. Es hätte Arbeit in der Land- oder Forstwirtschaft gegeben, aber das künstlich generierte Dorf war die Heimat durch und durch industriell und urban denkender Menschen gewesen, die umgehend in die Nachbarstadt Sindur weitergezogen waren. Ein Automobilbauer lockte mit Arbeit. So stand nun also die Kirche verlassen am Rand von Plaettora. Das Uhr- und Glockenwerk lief weiter, doch fanden hier niemals Gottesdienste statt. Plaettora selbst bestand aus den Überresten der Häuser, wobei auch hier wenig geblieben war. Das Material war großflächig abgetragen und weggeschafft worden. Steine und Fenster waren andernorts zu neuem Einsatz gekommen. Geblieben waren vor allem Fundamente und Steinhaufen, die gesprungene und verwitterte Felsquader umfassten. Die Natur hatte sich alles wiedergeholt. Efeu überzog jeden Stein, Moos hatte einen Teppich ausgelegt, Bodendecker gruben ihre zähen Wurzeln in bröckelnden Beton. St. Elisabeth hatte man äußerlich unangetastet gelassen. Es war eine einfache Arbeiterkirche, die an Schnörkeln nichts aufzuweisen hatte. Rot war sie. Rot wie die Backsteine, aus denen sie gefertigt war. Mahnend thronte das Kreuz über dem ausgeweideten Ort. Der Wald, in den die Ortschaft hinein gefräst worden war, näherte sich bereits. Aus einem gerodeten Gebiet war eine Waldlichtung geworden. Die einzige Straße, die herführte, war nicht asphaltiert. Nun, da sie niemand mehr in Stand hielt, wuchs auch sie zu. Wurzeln und Gräser lockerten ihre Oberfläche auf. Inzwischen ging sie höchstens noch als Waldweg durch. Die Abenddämmerung nahte an jenem Tag. Wieder gab es ein Rumoren im Glockentrum. Ein Kratzen und Stoßen war zu hören. „Man könnte fast meinen, da oben wär jemand drin.“, sagte Lukri, ein junger Mann aus Sindur, der erstmals an diesem Ort war. Er zeltete mit seiner Freundin Dina in der Nähe des ehemaligen Marktplatzes von Plaettora. Gerad kam Dina vom Waldrand zurück, wo sie sich erleichtert hatte. „Was kommt als nächstes? Irgendwelche Gespenstergeschichten über Ruinen und die Geister, die blieben? Manchmal bist Du ein richtiger Kindskopf, Schatz.“, rief sie und stupste Lukri an. Der schüttelte den Kopf und zog eine Grimasse. „Das ist doch grad das Spannende hier. Jetzt mach nicht alles kaputt, indem Du so furchtbar sachlich bist.“, beschwerte er sich. Dina nahm ihn in den Arm und küsste ihn. „Na, war das so sachlich, kühl und nüchtern?“, fragte sie und lächelte warmherzig. Auch Lukri strahlte übers ganze Gesicht. Dina war eingeschlafen, doch Lukri lag das Abendessen aus der Dose schwer im Magen. Nachdem er sich zwei Stunden auf der Luftmatratze herumgewälzt hatte, stand er grummelnd wieder auf und verließ das Zelt. Die Luft war lauwarm und es war windstill. Es roch nach Wald und Sommer. Lukri seufzte zufrieden, ging einige Schritte und zündete sich eine Zigarette an. Vor dem Sternenhimmel, der nur wenige Wolken aufwies in jener Nacht, hob sich die Silhouette des Glockenturmes ab. Gerade erklangen die Glocken. Zwei Schläge. Lukri schätzte, dass es halb drei war. Er fand es irgendwie traurig, dass die Kirche so allein gelassen worden war. Ob die Türen wohl abgeschlossen waren? Kurzentschlossen schlenderte er dem einzigen noch intakten Gebäude entgegen. Sie machte wirklich nicht viel her. Zwei hölzerne Eingangstüren mit Metallringen zum Aufziehen auf der Vorderseite, eine noch kleiner Holztür hinten rechts. An allen dreien zog Lukri, doch man hatte die Kirche offensichtlich verschlossen. Vielleicht kam ja doch mal jemand her. Irgendjemand, der seine Tauf- oder Kommunionkirche einmal wieder besuchen wollte. Einer der früheren Einwohner von Plaettora. Und dann wollte man sicher keine Kirche vorfinden, in der Landstreicher und Tiere ein Chaos verursacht hatten. Immerhin war es eine Kirche. Die musste man doch sauber und ordentlich halten, auch wenn man sie nicht benutzte. Lukri war enttäuscht. Zu gern hätte er einen Blick hinein geworfen. Durch die bunten Fenster, die drei Meter über dem Boden begannen, war ein Blick nach drinnen natürlich auch nicht möglich. Erst einmal war Lukri keine drei Meter große, außerdem hätte man gerade nachts durch bunte Fenster sicher nicht erkennen können. Außerdem würde es sicher uninteressant sein, redete sich Lukri ein, warf den Zigarettenstummel auf den Boden und kehrte zum Zelt zurück. Als es im Glockenturm erneut kratzte und schabte, da erschrak er. In einer stillen Nacht wie dieser, und zudem in Gedanken versunken, kam Lukri das plötzliche Geräusch gar nicht gelegen. Es hörte sich nun an, als würde etwas Schweres über einen Holzboden gezogen. Sicher war es das Uhrwerk oder so etwas in der Art, aber Geräusche aus verlassenen Kirchen hatten eben so etwas an sich, das einem dann doch die Gänsehaut auf die Arme trieb. Zu viele Horrorfilme gesehen! Lukri tadelte sich. Als er das Zelttuch bei Seite schlug erstarrte er. Dina war fort. Lukri wusste nicht wie er empfinden sollte. Er hatte mehrmals nach Dina gerufen und sich so gründlich wie möglich nach ihr umgesehen, doch nichts war geschehen. Er traute seiner Freundin durchaus zu, dass sie sich einen gemeinen Scherz mit ihm erlaubte. Sie wusste schließlich, wie empfänglich er für Grusel war. Vorsorglich war er schon einmal wütend auf sie, weil er sich nun wirklich ernstlich fürchtete. Aber was, wenn wirklich etwas geschehen war? War sie vielleicht hinter einen Baum gegangen und dort eingeschlafen? Nein, das war ja eigentlich Blödsinn. Dennoch hielt Lukri zunehmend alles für möglich, was entweder Hoffnung machte oder einfach grauenvoll war. Ihm war schlecht, sein Herz raste. Jeder Schatten ließ ihn zusammenfahren, als er durch die Ruinenfragmente von Plaettora eilte. Mit Fahrrädern waren die beiden hier, doch Dinas Fahrrad stand unberührt neben Lukris. Sie war also nicht einfach fortgeradelt. Bald hatte Lukri überall nachgesehen, hinter jeder Mauer, hinter jedem Stein und Baum. Er hätte natürlich noch tief in den Wald eilen können, doch in welche Richtung und wie weit? Das konnte nichts bringen! Er hatte eine Taschenlampe, doch wohin er auch leuchtete, keine Spur von Dina. Er liebte dieses Mädchen und hatte bereits Tränen in den Augen, als er sich wieder vor den hölzernen Türen der Kirche befand. Das war der einzige Ort, an dem er noch nicht nachgesehen hatte. Ob Dina in der Kirche war? Ob sie ihm dort auflauerte, weil er den Turm unheimlich fand? Das sähe ihr ähnlich. Neue Hoffnung keimte in Lukri auf. Aber wie war sie reingekommen, wenn doch alle drei Türen verschlossen waren? Noch einmal ging er um die Kirche herum. Erschrocken blieb er stehen, als er die hintere, rechte Tür erreichte. Sie stand offen. Noch vor zwanzig Minuten hatte er an ihr gezogen und sie war verschlossen gewesen. Was sollte er nun denken? War es Dinas Werk? Oder war hier wirklich jemand? Ein Mörder? Ein Vergewaltiger? Ein Geist? Hektisch schlug sich Lukri vor die Stirn. Ein Geist! Er drehte wohl langsam durch. Mal im Ernst: Sowas gab es nicht. Das wusste jeder. Aber wenn hier wirklich noch ein anderer Mensch war, dann war das genauso beängstigend. Lukri hatte weder eine Waffe, noch Muskeln, noch Mut. Er war kein Held, der jemanden verprügeln konnte. Ob Dina schon tot war? Lukri schüttelte sich und schrie aus voller Kehle ihren Namen, verbunden mit der Aufforderung, die Spielchen zu lassen. Vielleicht käme sie nun wirklich heraus, würde lachen, sich entschuldigen und Lukri um den Hals fallen. Doch so viele Augenblicke Lukri auch vergehen ließ: Auf sein Rufen gab es keine Reaktion. Sollte er zum Zelt zurückgehen und warten, bis es Dina zu langweilig wurde? Was aber, wenn sie wirklich vergewaltigt wurde? Bevor Lukri sich klar wurde, wie ihm geschah, befand er sich in der Kirche. Die Sorge um sein geliebtes Mädchen hatte ihn eintreten lassen. Die Kirche war geplündert. Nicht von Verbrechern, sondern von ihrer eigenen Gemeinde. Selbst die Bänke waren fort. Auf Haltern an der Wand sah man leere Stellen. Dort mussten Kerzen oder kleine Statuen gestanden haben. Der Altar, ein massiver grauer Steinblock, war noch da, doch vollständig nackt. Selbst die Orgelpfeifen hatte man aus der Empore herausgebrochen. Gesplittertes Holz erzählte von dieser Tat. Es war sehr dunkel. Nur wenig Mond- und Sternelicht kam durch die Fenster hinein. Dennoch sah Lukri gleich die Treppe, die hoch zur Ampore führte. Er eilte hoch. Seine Schritte hallten laut von den Wänden wieder. Die Glock erklang und schlug die Stunde. Es war drei Uhr. Von der Ampore aus konnte man weiter nach oben und somit in den Turm hinein gelangen. Sollte er dort wirklich hinaufgehen? Was würde er sehen? Was wäre denn eine gute Erklärung oder ein gutes Ende? Vielleicht stand Dina dort oben und genoss die Aussicht. Vielleicht war sie wach geworden, als Lukri unterwegs gewesen war. Dann hatte sie ihn vielleicht nicht gefunden und war in den Turm gestiegen um Ausschau zu halten… Lukri schüttelte schweren Herzens den Kopf. Das war Unsinn! Sie hätte längst seine Rufe gehört. Vielleicht hatte es aber mit der Kirche gar nichts auf sich. Vielleicht war Dina in den Wald gegangen, um auf die Toilette zu gehen. Dabei hatte sie sich vielleicht ein wenig verlaufen. Lukri stand vor der ersten Stufe Richtung Turm und traute sich nicht vorwärts. Da war ein enges, hölzernes Treppenhaus vor ihm, das pechschwarz war. Dann erklang ein Rumoren. Wieder. Und es war furchtbar nah, beinahe neben Lukri. Er drehte sich hektisch herum und hörte sein Herz schlagen. Auf der Empore war niemand, aber das Geräusch kehrte zurück. Er konnte nicht einmal sagen, ob es aus dem Treppenhaus kam oder nicht. Plötzlich fasste Lukri unbekannten Mut und rannte laut schreiend ins Treppenhaus. Immer weiter hoch hinauf, schreiend, schwitzend durch absolute Finsternis. Das Licht der Taschenlampe tanzte wild umher. Dann war er auf der oberen Ebene angekommen. Licht fiel ein, er löschte die Taschenlampe. Er sah die Glocken. Und er sah Dina. Mit geschlossenen Augen lag sie in einer Ecke am Boden. Es war noch jemand dort. Lukri fixierte die Gestalt im schwarzen Kapuzenmantel. Er stand hinter den Glocken und bewegte sich nicht, doch Lukri war er nicht entgangen. Dachte der etwa, sich hinter die Glocken zu stellen, würde es Versteck genügen? „Dina! Alles in Ordnung?“, fragte Lukri mit zitternder Stimme und sah dabei zu der schwarzen Gestalt hin. Dina rührte sich nicht, gab kein Geräusch von sich, doch sie atmete. Lukri sah die leichten Bewegungen ihres Brustkorbs. Langsam bewegte er sich seitlich auf sie zu. Die Gestalt hinter den Glock bewegte sich nicht. Doch, dann gab es wohl eine Bewegung, aber sie war merkwürdig. Die Gestalt schwankte ganz leicht zur Seite. Es sah aus, als hätte der Wind sie bewegt. Als Lukri bei Dina war, war er auch halb um die Glocken herum. Er betrachtete die Gestalt mit der Kapuze. Würde sie jetzt angreifen? Doch da war wieder diese merkwürdige Bewegung. Lukri knippste die Taschenlampe an und leuchtete auf die Gestalt. Die Füße berührten nicht den Boden. Um den Hals lag eine Schlinge. Die Zunge hing aus dem Mund. Lukri wurde übel und er wandte sich ab. Die Gestalt hing tot an einem Balken. Wie konnte das sein? Wie konnte Dina bewusstlos sein und ein Fremder tot? War noch jemand hier oder war es Selbstmord? Lukri schüttelte Dina vorsichtig. Eine Verletzung an ihr konnte er nicht entdecken. Langsam wurde sie lebendiger. Mit einem mal riss sie die Augen auf und packte Lukri an der Kehle. Wie tollwütig drückte sie zu. Lukri ließ die Lampe fallen, zappelte und keuchte. Dina blickte wie eine Irre drein, doch plötzlich schien sie aus einer Art Trance zu erwachen und erkannte Lukri. Sie ließ ihn los und er stürzte auf den Boden, rieb sich den Kehlkopf und hustete. Dina indessen sah die Gestalt am Balken und schrie schrill auf. Hektisch sah sie sich um. „Wo ist er?“, fragte sie panisch. Lukri erhob sich langsam und wusste nicht, was sie meinte. „Gott sei Dank! Du lebst!“, brachte er hervor. Dass sie ihn gewürgt hatte, war ihm gleichgültig. Ihre Augen fixierten nun seine und das schien sie zu beruhigen. Plötzlich fiel sie ihm weinend und schluchzend um den Hals. Sie umarmten und küssten sich. „Was ist passiert?“, fragte schließlich Lukri, doch Dina wusste es nicht genau. Die schwarze Gestalt hatte sie im Zelt überfallen und es hatte einen Schlag auf den Kopf gegeben. Dann war sie in der Kirche erwacht. Unten, wohl auf dem Altar liegend. Da war ein Schatten gewesen. Ein Schatten, der ein Geräusch verursachte. Dieses Rumoren, dieses Schaben und Kratzen war es gewesen. Es war viel beängstigender als die schwarze Gestalt gewesen. Die war auch dort gewesen, vor dem Altar und hatte sich irgendwie mit dem Schatten angelegt. Dann hatte Dina etwas erfasst. Etwas wie ein kalter, muffiger Windhauch. Und dann hatte Lukri sie geweckt und die Gestalt war tot. Aber dieser Schatten, diese fliegende graue Wolke – sie wusste nicht wie sie es sonst nennen sollte – musste noch dort sein. Lukri ging nun mit der Taschenlampe in der Hand voran die Treppen hinunter. An der Hand hatte er Dina, die hinter ihm ging und sich immer wieder ängstlich umsah. „Geht!“, zischte es auf einmal an ihren Ohren vorbei. Schaben und Kratzen war zu hören, dann ein Rumpeln und Poltern. Eine graue Wolke tauchte im Lampenschein auf und rauschte auf Lukri und Dina zu. Beide schrien. Hinter ihnen erschein die schwarze Gestalt. Scheinbar wieder quicklebendig. „Lauft!“, zischte es wieder und Lukri und Dina rannten los. Sie sprangen die Treppenstufen hinunter, während oben Wolke und Gestalt miteinander kämpften. Es polterte, zischte, knirschte und heulte hinter ihnen, als sie die Kirche rennend verließen. Ohne irgendetwas einzupacken sprangen sie auf ihre Fahrräder und radelten los, während es im Turm heftig rumorte. Lukri und Dina waren schon ein gutes Stück von Plaettora entfernt, da schlug die Glocke zwei Mal. Es war halb vier. „Und ich spinne?“, sagte Lukri. Dina schüttelte einfach nur den Kopf. Sie gingen nie wieder nach Plaettora – zumindest hatten sie das nicht vor – aber erzählten niemandem von jener Nacht. Man hätte sie für verrückt erklärt. Lukri versuchte herauszufinden, was ihnen widerfahren war. In der Nähe von Plaettora gab es natürlich den alten Bergbauschacht, in dem die Leute gearbeitet hatten. Damit Wanderer nicht hineingeraten konnten, war der Eingang zum Abschied gesprengt worden. Nun kannte Lukri einige Gruselfilme, in denen aus solch alten Schächten böse Kräfte herauskamen, aber so einfach konnte es hier nicht sein. Es gab scheinbar eine Kraft, die irgendetwas mit Dina hatte tun wollen und eine andere, die Dina beschützen wollte. Lukri beschloss herauszufinden, was es mit der Sache auf sich hatte, doch davon berichte ich ein anderes Mal. JCS 09
Anm. des Verfassers: Mir ist bewusst, dass einige Tipp-, Zeichen- und Rechtschreibfehler, sowie Wdh. etc. in diesem Text vorkommen. ich bitte dies zu entschuldigen. Er wurde mit heißer Nadel gestrickt und noch nicht redigiert. Das ist aber kein Problem, wenn man die Geschichte vorliest oder nacherzählt. |