Das Camp der Verzweifelten


Viel ist gesagt worden über das merkwürdige TV-Format „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“, das keineswegs von RTL erfunden wurde. Die Medienwächter schlugen auch bei Staffel 3 mehrfach Alarm, doch in deutlich geringerem Ausmaß als z.B. bei Staffel 1, denn inzwischen haben sich sowohl Publikum, als auch mediale Öffentlichkeit, weitestgehend an Geschmacklosigkeiten dieser Art gewöhnt. Bedauerlich? Vielleicht, aber auch „Big Brother“ flimmert schließlich wieder einmal tagtäglich über den Bildschirm, ohne dass jemand besonderen Anstoß daran nehmen würde. Dies hängt einerseits mit der Abstumpfung des Publikums zusammen, doch andererseits auch mit den schwächelnden Quoten. Wollte man über das „Dschungel-Camp“ diskutieren, fanden sich schwerlich Gesprächspartner, denn wohl kaum jemand hatte regelmäßig zugesehen.


Teilnehmerfeld


Bei der überwiegenden Mehrzahl der „Prominenten“ gab es ersten Diskussionsbedarf schon bezüglich deren Identität, soll heißen: „Wer ist das überhaupt?“ Wann hatte Björn-Hergen Schimpf eigentlich seine letzte Show moderiert (wohl Mitte der 90er), wann Bata Ilic seinen letzten Hit gehabt (wohl in den 70ern), wann Michaela Schaffrath eine seriöse Filmrolle (hatte sie jemals eine?), wann Ross Anthony eine Solo-Single (gab es da irgendeinen Erfolg nach Bro´Sis?) und hatte Eike Immel eigentlich jemals zuvor einen TV-Auftritt außerhalb der Sportschau? Ein wenig erstaunlich war es allenfalls, dass DJ Tomekk in den Dschungel ging, denn das musste seinem aufgesetzten Gangster-Image zwangsläufig schaden. Alles in allem war aber wohl kaum jemand dabei, der ein Fan-Potential vorweisen konnte. Keinen der Teilnehmer zog Abenteuerlust oder Selbstfindung in dieses Format, sondern die verzweifelte Hoffnung, durch Fernsehpräsenz und deren Folgen ein paar Euro zu verdienen.


Inhalt


Kommen wir zum Inhalt der Sendung - das wird ein kurzer Absatz. Scheinbar saßen die Teilnehmer 24 Stunden am Tag gelangweilt herum und warteten, wer von ihnen zumindest eine Stunde seines Tages mit „Sinn“ füllen durfte, soll heißen eine Schatzkiste zu suchen oder durch irgendeine Aufgabe Nahrung zu erspielen. Überwiegend beinhalteten diese Aufgaben den Kontakt mit diversen Tierchen, was auf Dauer zunehmend einfallslos wirkte. Immer wieder Kakerlaken, immer wieder Ratten – gähn!


Unterhaltungswert


Am peinlichsten ist es für Formate wie dieses, oder auch Big Brother, wenn live in den Dschungel bzw. ins Haus geschaltet wird, denn dann sieht der TV-Zuschauer ganz kurz das wahre Gesicht der Darsteller und der Sendung: desillusionierte Langeweile. Schweigsam hocken sie herum und warten darauf, dass der TV-Sender ihnen endlich etwas zu tun gibt. Die Zusammenschnitte, die in den täglichen Sendungen zu sehen waren, bemühten sich, Streitpotential unter den Teilnehmern in den Vordergrund zu stellen oder „lustig“ zu sein. Da konnte man schon mal fünf Mal hintereinander sehen – wahlweise mit Musik, in Zeitlupe, vorwärts oder rückwärts abgespielt, herangezoomt, etc. - wie Bata Ilic eine Rolle Toilettenpapier fallen lässt. Das sollte wohl amüsant sein, war es aber nicht. Richtigen Streit gab es allerdings auch nicht und die Gruppendynamik der verzweifelten D-Promis tendierte gegen Null. Ach ja, nicht zu vergessen: Sex sells! Also konnte man natürlich täglich, selbstverständlich in Zeitlupe, die im Badeanzug duschenden Damen bestaunen, und wenn doch einmal wirklich eine Hülle gänzlich fiel, wurde dies nicht nur in der Sendung selbst, sondern auch noch in diversen anderen RTL-Formaten über Stunden ausgewalzt (Punkt 9, Punkt 12, Explosiv, Life, Exclusiv Weekend, ect.). Zudem bediente das zentrale Element der Show, die „Dschungel-Prüfung“, das Element Schadenfreude und/oder Fremdgrusel (wie ich es in Zeiten des inflationär gebrauchten Wortes Fremdscham einmal nennen möchte). Das Dschungel-Camp sprach die primitivsten menschlichen Triebe und Gelüste an, doch dabei sticht es in der TV-Landschaft nicht sonderlich hervor, und kann dementsprechend dafür nicht über Gebühr kritisiert werden. Beispiellos war es allerdings dafür, wie sehr das Fernsehen ein absolutes Nichts zu einem Event aufzublasen vermag. Es war nicht spannend, nicht lustig, es gab kaum Streit, wenig Erotik (eher keine) und vor allem waren die Promis kaum als solche zu bezeichnen. Mitleid war teilweise durchaus angebracht, doch Mitfiebern?!? Ungeachtet der Ereignislosigkeit im Dschungel leisteten diverse RTL-Redaktionen beinahe Unmenschliches, um tagtäglich mehrere Storys aus den nicht stattfindenden Ereignissen zu basteln – den Redakteuren gebührt also Respekt!


Folgeschäden


Leider kamen furchtbare CDs zur Show auf den Markt, doch wird diese hoffentlich niemand kaufen. In RTL-Shows (Oliver Geissen, Stern TV, Chart-Show) dürfen einige der Dschungel-Insassen noch ein, zwei Mal auftauchen, doch wird ihnen dies keinen dauerhaften Ruhm oder gar einen Karriereschub bescheren. Das Camp der Verzweifelten lässt vorher erfolglose und nun auch noch entwürdigte D-Promis zurück.