Eiskalte Flucht
Es war kalt. Meine Güte, war es kalt!
An jeden Fetzen Hitze hätten sie sich gekrallt.
Das Herz schien so langsam zu werden,
man ahnte schon die Gefahr zu sterben,
dass der Herzschlag keinerlei Bedeutung mehr zu haben schien,
er rumpelte nur noch träge und öde vor sich hin.
Der weiße Traum er sank zu Erden -
was sollt bloß aus der Reise werden? –
Der reitende Bote, er kommt verspätet.
Verstand, der den Wartenden weich geknetet.
Da endlich fährt die Kutsche ein
und alle Menschen zwängen sich rein.
Gestresst sind sie und ausgelaugt, keiner hier an Wunder glaubt,
alle an die Flucht nur denken, sich seelisch schon gar sehr verrenken.
Nur das Reale hat noch für sie Sinn,
nirgendwo träumen sie noch hin,
doch da plötzlich der Wagen hält -
aus Ödnis schaun alle in die Welt.
Die Flocken rieseln, der Schnee liegt schwer -
nur Gestöber sieht man mehr -
doch was erspäh´n die müden Augen?
Keiner will es wirklich glauben:
Auf dem schwarzen Felde dort,
mitten an dem öden Ort,
die Eisprinzessin sich glitzernd dreht -
einem jeden gleich das Grau vergeht -
mit Leuchten im Herz und Glauben in der Seele
setzt man die Räder auf neue Wege.
Als die Menschen die Grenze erreichen,
mögen mit Zauberwäldern sie diese vergleichen.
Haben sie doch nun verstanden
dass sie und das Schöne vieles verbanden?
Doch war sie so sterblich, so sanft und so rein, 
kaum noch erhaben – konnte das sein?
Unschuldig und schön, doch robust und auch wild,
gab sie ein wirklich unvergessliches Bild.
Doch dann war sie fort und schien sehr in Eile,
vergebens bat man sie: „Bitte verweile!“
Die Wälder verschleiert, die Sonne so fern,
am Firmament, da leuchtet kein Stern.
Doch der Tag ist nun hell
und die Wolken ziehn schnell,
der Wind er frischt auf,
ein jeder merkt auf,
als Tönen sich regt
und in Höhen sich hebt,
als die Erde erbricht
ist man nicht drauf erpicht
alsbald zu erfahren
über nahende Gefahren,
wie sie hernieder nun sinken
und mit Todeslicht winken.
Ein Bote, er kommt, doch nicht mit dem Pferde,
damp
fend und zischend steigt er aus der Erde.
Er ist mächtig hoch, wie das höchste Haus
und sieht aber gar nicht erfreulich nun aus.
“Die Eisprinzessin war´s! Wir haben sie gesehen!“,
ruft einer der Menschen, doch der Bote kann´s nicht verstehn.
„Eisprinzessin? Pah! Sowas gibt es nicht mehr!
Und ich trauere ihr auch keine Sekunde hinterher!“,
schmettert die Stimme des roten Giganten,
die Erde bebt wie von hundert Elefanten.
Er beugt sich hernieder zur Kutsche und blickt,
dann plötzlich ist er erheblich entzückt.
Er sieht die drei Frauen, die er finden wollte
und wird plötzlich friedlich ganz wie er es sollte.
Die Männer erleichtert, die Frauen beschämt,
er sich ganz in Ruh´ an ihre Seite bequemt.
Die Pferde wolln nicht weiter, sie fürchten sich sehr,
doch der Gigant bleibt heiter und schaut immer mehr.
„Wer hat Dich geschickt? Was kannst Du uns sagen?
Was dürfen wir wagen? Hör auf uns zu plagen!“,
fordert einer der Männer, denn er ist besorgt,
da der Riese nur ruhte an diesem kalten Ort.
Es ging nicht mehr weiter, kein Vor und Zurück,
dabei war es zur Festung doch nur ein kleines Stück.
Da tauchen am Himmel die Todesschatten auf,
begierig nach Fleisch, der Riese sieht es auch,
doch will er nicht handeln, er ist zu verträumt
bis er dann sogar die Frauen ausräumt.
Er packt sie alle drei und will schon verschwinden,
ganz egal wie sie sich wehren, wie sie strampeln und sich winden.

Eine kommt frei und es ist Milana,
mit Feuer im Herzen steht sie voller Wut da,
und tänzelt gefährlich auf den Riesen zu
und rammt ihm ein Messer hinein in den Schuh.
Er öffnet die Hände, er jault und er springt,
es ist als ob ein Felsbrocken singt.
Die andern beiden Frauen und die Männer dazu,
sie springen in die Kutsche – es ist keine Zeit für Ruh´ -
die Monster kommen nieder, der Riese greift sie an,
die Männer fassen eilig den Mut zu einem Plan.
Milana will kämpfen, doch man lässt sie nicht raus.
Es tobet der Kampfe zwischen Riese und Maus.
Doch die Mäuse sind zu zahlreich und fliegen rasch umher,
tatsächlich können sie siegen, viel Feind wenig Ehr´.
Der Bote er stirbt nicht, er flüchtet in den Boden –
dafür wird sein Meister ihn keinesfalls loben.
Er weint und er jammert einem Kleinkinde gleich,
verschwindet im gefrorenen eiskalten Reich.
Die Menschen verraten, keine Hilfe war der Bote,
sie waren hineingeraten in allerhöchste Not.
Zusammen saßen sie in einem Boot,
das nur eine Kutsche war.
Die Schnäbel und Klauen der Vögel waren nun schon sehr nah.
Der Plan der Männer fruchtet im letzten Moment,
ein heller Lichtschein macht die Bestien kurz blind.
Der eine ist ein Magier, er sparte sich alles auf,
der andere er ist mutig, springt auf den Bock nun drauf.
Und peitscht voller Innbrunst die verstörten Tiere an,
als die Vögel sich beruhigen, ziehen die Pferde endlich an.
Die Kutsche donnert durch die Prärie aus aufgestobenem Dunst,
und den Weg noch zu finden, ist inzwischen große Kunst.
Die Verfolger setzen nach und behalten alles im Blick,
dem Magier gelingt leider kein weiterer Trick.
Milana hat ein Schwert, kommt an die Vögel nicht heran,
also stupst sie vielsagend ihre Gefährtin an.
Diese lächelt sehr herzlich und packt ihre Waffe aus,
lehnt sich sogleich aus dem Fenster hinaus.
Mit Pfeil und mit Bogen,
ganz ungelogen,
holt Coary an diesem Tage zwölf Monster vom Himmel,
doch dort herrscht noch Gewimmel
und unsägliches Kreischen und Flattern
und Schnattern –
die Pfeile gehen aus, alles will raus,
doch ist es nun aus? Oh Graus, oh graus!
Die Kutsche sie schlingert auf ebener Fläche,
zur Linken und Rechten sind gefrorne Bäche,
das Gras ist gestorben, die Bäume sind kahl.
Jede Sekunde die wird nun zur Qual.
Sie rauschen heran, die bösart´gen Flieger,
es purzeln durch die Kutsche fünf erfahrne Krieger.
Ein Hauen, ein Stechen, ein Fluchen, ein Suchen,
ein Blicken, ein Schauen, ein Krampfen, ein Lauern.
Schwerter prallen auf Schädel, und Säbel auf Schnäbel,
und Messer in Schwingen, und Dolche in Sehnen, man sollt es erwähnen:
Es war ein Überdehnen, doch ein Sehnen nach dem Leben trieb alle weiter an,
denn die dummen Angreifer warn unfähig und ohne Plan.
Sie konnten die Pferde nicht stoppen und die Menschen nicht entreißen
und durch das Holz der Kutsche ließ sich nicht gut zubeißen.
Kein Mensch war gefallen, doch es hatte wenig Zukunft, wenn sich nicht bald etwas tat,
es bedurfte mehr Zeit und es bedurfte guten Rat, um den jeder heimlich bat.
Und da tauchte mit einem Male wieder jenes Wesen auf,
das sie für die Eisprinzessin hielten, doch nun nahm andres seinen Lauf.
Sie stand plötzlich leicht bekleidet ganz weit vorn im Schnee.
Um die Schultern stand ein Glimmen,
vor den Worten kein Entrinnen,
die ihr nun über die Lippen kamen –
es gab kein Erbarmen.
„Hört mich an, ihr Vögel aus dem Westen.
Unfreundlich seid ihr zu meinen neuen Gästen.
Niemand hat gestattet, über diesem Lande zu fliegen,
darum werdet ihr bald tot an dessen Boden liegen!“
Und obwohl man sehr staunte,
weil es bei den Vögeln raunte,
hatten sie´s wohl doch verstanden, wurden unsicher und feige,
suchten eine sichere Bleibe,
doch es rückte ihnen zu Leibe,
das Wesen im Schnee mit glänzender Pracht,
warf es große Kräfte aus den Händen voller Macht.
Es hatte gekracht im Anbeginn der Nacht!
Wer hätte das gedacht?! „Das habt Ihr gar nicht übel gemacht!“,
rief die Stimme einer Frau.
Maxantalin, Myrcius, Coary, Roany und Milana blickten sehr genau
hinter die helfende Eisprinzessin hin,
das Sterben der Monster entging ihrem Sinn.
Sie klatschten auf die Erde wie Früchte im Herbst,
ein letztes kurzes Seufzen beendete ihren Schmerz. 
Scheinbar aus dem Nichts war eine Kriegerin erschienen,
die so genannte Eisprinzessin schein ihr zu dienen.
„Ihr braucht nicht in die Burg, Euch schützt nun keine Feste.
Lange beobachtet seid Ihr worden, doch ab heute unsre Gäste!“
Sie führte die Erstaunten zu einem silbrigen Tore hin –
es machte für sie alle überhaupt keinen Sinn.
Doch sie traten dann ein und unter dem Schnee
lagen grüne Bäume gruppiert um einen See.
Die Sonne schein hell an stahlblauem Himmel,
auf den Wiesen um den Weiher gab es fröhliches Gewimmel.
Frohe Menschen, kleine Kinder aller Völker dieser Welt
hatten sich bald zu begrüßendem Gesange aufgestellt.
„Wo sind wir, bei den Göttern, was ist dies für ein Ort?“,
floss es Myrcius aus den Lippen, doch die Kriegerin war schon fort.
Ja, es war kaum zu begreifen, doch es war nun etwas dran
an den Fünfen ohnegleichen im großen göttlichen Plan.
Auserwählte waren darunter, wenn auch Ellenia fehlte,
die ihr kleines eignes Schicksal mit viel größerem vermählte –
mit dem, was wirklich zählte.
Es war das Silberne Königreich, nur ein Ort unter vielen.
Unter eiskaltem Schnee, unter tödlichen Gefühlen,
begann es in den Seelen der Menschen zu wühlen.
Sie hörten schon davon, doch es sah doch anders aus,
und sie hätten es nie gefunden, es kam selbst zu ihnen raus.
Was nun draußen noch tobte und wütete und blutete,
war etwas von dem hier kaum jemand irgendetwas vermutete.
Das Glück sollte nicht mehr lange währen,
doch für den Moment gab es nichts zum Beschweren,
man ließ die Neuen gewähren,
brachte sie über den See auf Fähren
und hinein in ein warmes Haus,
die Fenster sahen nach Zuckerguss aus.
Aufgebrochen in Bedrängnis auf der Flucht vor nahem Schrecken
sollten sie an jenem Tage tausend Wunder entdecken.
Dies ist nur eine Legende,
doch ist sie schön, wie man fände,
wenn man nicht die Wahrheit wüsste,
die man sich erzählt von Küste zu Küste.
Sie ist aufgeschrieben an anderem Platz,
dort findet sich die Wahrheit Satz für Satz.
Wer sie aushält, mag´s dort lesen,
über Tote die verwesen,
über Städte die gewesen.
Doch dies hier ist nur eine Legende,
die man schicklich fände,
wenn man´s Kindern erzählen würde,
doch keinem mutet man zu diese Bürde.
So fahret denn selbst mit reinem Gewissen hinaus in die Welt und macht Euch bewusst:
Es überkommt Euch die Lust,
zu wissen zu entdecken,
zu lernen statt zu verstecken,
zu erfahren trotz aller Gefahren.
Also seht durch die Augen sehr klar auf das Leben, auf das Weben des Schicksals und das Streben der Seelen. Wenn die Wahrheit auch grau ist, wenn Euch alles verschwimmt,
dann denket daran, dass das Gute am Ende gewinnt.
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