Während sie die Bücher wieder in die Regale sortierten, warfen sie sich vorwurfsvolle Blicke zu. Erst nach einigen Minuten fiel das erste Wort.
„Sag mir, wie es ist!“
„Wie was ist?“
„Wie die erste Nacht ist.“
„Die Hochzeitsnacht?“
„Egal ob Hochzeit. Die erste gemeinsame eben.“
„Du meinst…“
„…“
„Was soll ich da schon sagen?! Wie Deine erste Nacht mit jemandem war oder sein wird weiß ich doch nicht.“
„…war...pffff...“
„Was ist denn?“
„Du weißt genau was ist! Ich spreche von uns.“
„…“
„Wann wird es soweit sein?“
„Das ist jetzt eine ernst gemeinte Frage, oder wie? Darüber haben wir doch noch nie gesprochen.“
„Ein Grund mehr, es endlich zu tun.“
„Was genau zu tun?“
„Darüber zu reden. Und dann um es zu tun. Ich bin mehr als bereit, das glaub mal! Mein Körper steht oft allen anderen Gedanken im Weg. Es nervt und es soll sein. Es muss einfach passieren.“
„Das klingt aber irgendwie komisch. Außerdem überfällst Du mich ziemlich damit.“
„Vielleicht, aber warum hast Du mich nie überfallen?“
„Das habe ich.“
„Ich meinte nicht den Angriff auf diese Kutsche, verflucht!“
„Ich weiß.“
„Hör auf zu lachen! Ich warne Dich…“
„Also ich bin nie durchgedreht und einfach so in Dein Bett gesprungen, oder was soll das heißen? Und das ist ein Vorwurf? Das sagt die Frau, der man kaum näher als eine Schwertlänge kommen kann, ohne sein Leben aufs Spiel zu setzen.“
„Das ist eine Lüge! So bin ich nicht und das weißt Du!“
„…“
„…“
„Vielleicht passiert es deshalb nicht.“
„Weshalb?“
„Weil wir diskutieren, streiten, lachen und kämpfen, aber nicht lieben. Wir sind mehr Freunde oder sogar Geschwister als Liebende.“
„Auf so einen Bruder kann ich verzichten!“
„Sehr witzig, aber sieh der Wahrheit ins Gesicht!“
„…“
„Jetzt tu nicht so betroffen!“
„Es ist mir relativ egal, wie sehr und ob wir uns lieben – ich will es tun! Und ich will es am liebsten mit Dir tun. Was bist Du für ein Mann? Tust Du es nur aus Liebe?“
„Nicht grundsätzlich.“
„Aha, und warum nicht mit mir? Gefalle ich Dir nicht? Hier…“
Sie machte Anstalten, sich des Kleides zu entledigen. Es hätte niemand bemerkt. Die Bibliothek war inzwischen leer.
„Lass das! Das ist albern!“
„…“
„Alles in Ordnung?“
„Vielleicht ist es wirklich albern. Ich lass es an.“
„Und klar gefällst Du mir. Und nein, es war jetzt nicht direkt albern. Tut mir leid! So was lässt sich nicht planen, denke ich.“
„Es muss einfach passieren. Wenn es sich ergibt.“
„Genau.“
„Und warum hat es sich noch nie ergeben?“
„…“
„Aha, keine Erklärung. Ich glaube ich gefalle Dir doch nicht.“
„Du weißt dass das Unsinn ist! Wo ich Dir schon überall hingeguckt habe.“
Beide lachten.
„Wie lange ist es eigentlich her?“
„Was denn?“
„Dass Du mit einer Frau zusammen warst.“
„Ich denke das weißt Du.“
„Aber ob ich Dir glaube…“
„Glaub was Du willst.“
„Du warst oft allein.“
„Ja, ganz allein. Und Du warst auch allein. Allein mit vielen, vielen Männern zum Beispiel.“
„Lassen wir das. Es geht mich ja nichts an.“
„Ach, meinst Du das?“
„Sollte es mich was angehen?“
„Dass es Dir nicht egal ist, gefällt mir.“
„Warum?“
„Also ist es Dir nicht egal?“
„Meinst Du das ernst? Natürlich nicht!“
„Gut.“
„…“
„Mir ist es bei Dir auch nicht egal.“
„Ich weiß.“
„…“
„Wir sind also eifersüchtig obwohl wir es nicht tun?“
„Sieht so aus.“
„Ziemlich bescheuert.“
„Allerdings!“
Sie nahmen sich bei der Hand und ließen die übrigen Bücher auf dem Boden liegen.
JCS09