Kapitel VIII: The Final Challenge



Wieder lenkte mich der erfrischende Luftzug ab. Dann hörten wir einen furchtbaren Schrei und noch eh ich darüber entsetzt sein konnte, dass es Maniacs Stimme gewesen war, fürchtete ich um mein eigenes Leben. Monströse schwarze Schläuche, die sich chaotisch ineinander verwachsen hatten, verdeckten den Boden unter meinen Füßen, auf den ich ungebremst zuschoss. Ich riss an meiner Bremsleine, doch es war zu spät, so dass ich erst nach dem Streifen einiger Schlauchwindungen etwas ungestüm den Boden erreichte, der aus angenehm temperiertem Hochglanzkunststoff bestand. Ich klinkte mich aus und blieb in der Hocke, um mich umzusehen. Ich konnte keinen meiner Kameraden entdecken, bis der Captain gebremst und folglich eleganter in meiner Nähe aufsetzte. Die Schläuche waren zu hoch, um problemlos über sie hinweg sehen zu können. „Sir, wissen Sie, was das hier ist?“, fragte ich, als Picard nach oben blickte und mich plötzlich im Sprung zur Seite stieß. Eine merkwürdige Mischung aus flüssigem „Platsch“ und metallischem „Peng“ erfüllte meine Ohren und ebenso konnte man das beschreiben, was sich nun an der Stelle befand, an der ich gerade noch gestanden hatte. Ein Borg war uns hinterher gesprungen – ohne Enterseil, versteht sich! „Das Kollektiv musste es einmal ausprobieren, um sicher zu sein.“, erkannte Picard. „Probieren geht über Studieren!“, sagte ich. Der Captain sah sich etwas orientierungslos um. Auf meine Frage, ob er wisse, was das hier war, gab es keine Antwort, was ich als klares „Nein!“ verstand. Mir fiel etwas wieder ein: „Sir, wir müssen Lieutenant Maniac suchen! Er ist verletzt und dann . . . dieser Schrei gerade.“ „Einverstanden. Ich folge Ihnen!“, stimmte er zu und war vielleicht auch froh darüber, dass ich ihn nicht auf seinen Gefühlsausbruch von vorhin ansprach. Dafür, dass Troi solche Angst davor gehabt hatte, war er ja recht glimpflich ausgegangen, fand ich. Schließlich war der Captain nicht Amok gelaufen. Er folgt mir?, dachte ich. Und wohin? Hatte der Grund des zylindrischen Raumes aus 100 Metern Entfernung noch überschaubar gewirkt, so erwies er sich nun als wahrer Dschungel. Ich ging voran und versuchte, mich an der weit entfernten Decke zu orientieren – soweit man sie durch die schwarzen Gummilianen und –baumkronen sehen konnte. Instinktiv strebten wir der Mitte des Bodens entgegen, mussten jedoch häufig Hindernissen ausweichen, oder uns sogar ganz neue Wege suchen wenn es nicht mehr vorwärts ging. Einige Minuten waren wir schon umhergeirrt, als mich ein vertrautes Zirpen aufhorchen ließ. Ich sah den Captain an, der nun ungläubig auf seine linke Brust blickte. Der tot geglaubte Kommunikator meldete sich, genauer gesagt Data meldete sich. „Data an Captain Picard!“ Der Captain stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. „Picard hier. Wo sind Sie? Wo sind die anderen?“ „Ich befinde mich im Zentrum der Grundfläche. Bei mir ist Fähnrich Tyka.“ Nun seufzte ich vor Erleichterung. „Funktionieren sämtliche Kom-Kanäle wieder einwandfrei?“, wollte Picard wissen. „Der Tricorder liefert keinerlei Daten, Sir.“ „Dann werden wir es herausfinden. Picard an La Forge!“ Es rauschte und knisterte. Dann plötzlich verschwanden die Störungen. „La Forge hier! Seit wann funktionieren die Kommunikatoren denn wieder?“ „Unwichtig, Commander! Begeben Sie sich zum Zentrum des Raumes. Haben Sie Lt.Worf gesehen?“ „Gesehen, angesehen, angefasst! Alles was Sie wollen, er steht nämlich genau einen Meter von mir entfernt.“ Da es anscheinend alle vergessen hatten, schaltete ich mich verärgert ein: „Hat niemand Lieutenant Maniac gesehen? Er ist verletzt und wir müssen ihn schnellstmöglich finden. Ich kann nicht glauben, was ich sehe und höre: Sie unterhalten sich über alles, nur nicht über unseren schwer verletzten Kameraden.“ Verbittert stapfte ich ziellos los, um Sekunden später meine Verbitterung kritisch zu überdenken. Kurz gesagt: Ich hatte mich umsonst aufgeregt, denn sofort begannen wir, nach ihm zu suchen. Ausgangspunkt war das Zentrum des Urwalds, wo wir uns sammelten. Geyla nahm mich kurz in den Arm – kameradschaftlich. „Hat eigentlich schon jemand versucht, das Schiff zu erreichen?“, fragte Worf und hatte recht. „Captain Picard an Enterprise!“ Die Verbindung stand sofort, aber das, was wir hörten, war furchtbar und in diesem Augenblick so unheimlich fern und doch so nah. Der Kommunikator übertrug live von der Brücke. Eine laute Explosion wurde von Schreien und dem Zischen entweichenden Gases begleitet. Es folgten wild durcheinander geschriene Meldungen. Niemand fand Zeit, uns zu antworten. Nun die Stimme eines Freundes und auch Vorbilds: „Ausweichmanöver Omega! Steuern Sie auf diesen Mond zu! Voller Impuls! Verbliebene Energie auf die Achterschilde! Fähnrich Mask, behalten Sie diesen Würfel im Auge!“, brüllte Comm. Riker auf der Brücke des sicher hoffnungslos unterlegenen Föderationsschiffes U.S.S. Enterprise-D herum. „Welchen Würfel meinen Sie, Sir?“, fragte nun die schwache und ängstliche Stimme des edoanischen Fähnrichs. Ich wollte gar nicht wissen, gegen wie viele Würfel man sich dort oben erwehren musste und wie lange das gut gehen konte, schon gar nicht. Picards Miene versteinerte nicht – energischer als zuvor verschaffte er sich nun Gehör: „Picard an Enterprise! Will, hören Sie mich?“ Diesmal kam eine Antwort: „Riker hier! Schön, dass es Euch noch gibt! Wir haben hier einige Probleme.“ „Beamen Sie uns rauf, hören Sie?! Wir befinden uns in einem der großen Hohlräume.“ Die Antwort ließ wieder auf sich warten. „Wir können Sie nicht rauf beamen, Sir!“, lautete sie ernüchternd. Seufzer der Verzweiflung waren die Folge. Data, ja Data, schien verwirrt: „Das verstehe ich nicht, Sir!“, sprach er zu Picard. „Es ist unlogisch, in diesem Raum nicht lokalisierbar zu sein.“ „Vielleicht stören die Borg das Transportersignal!“, vermutete Worf und blickte finster drein. Wann tat er das nicht? Picard war weiter um das Wohl der Crew besorgt: „Verschwinden Sie, Nummer Eins! Wenn die Enterprise zerstört wird, war die ganze Mission ein Reinfall! Ach was rede ich noch von Missionen? Die Existenz der Föderation steht auf dem Spiel und damit über zwei Billiarden intelligente Lebensformen!“ Riker unterbrach den Captain: „Lassen Sie mich raten, Sir: Ihr Leben und die des Außenteams sind dagegen unwichtig und ich soll Sie deshalb zurücklassen. Das werde ich nicht tun! Noch nicht.“ „Ich befehle es Ihnen, Commander! Lassen Sie uns zurück und fliegen Sie das Schiff heim!“ Wir kannten die Antwort: „Dann verstoße ich hiermit gegen einen direkten Befehl. Sie haben jedem von uns oft genug das Leben gerettet, Captain - manchmal auch gegen die Vorschriften! Würde ich jetzt fliegen, wäre ich kein Mensch, sondern ein Computer, der die sicherste Lösung auswählt. Wir halten uns hier oben noch ganz gut.“ Das war sicher eine Lüge oder zumindest die Übertreibung des Jarhhunderts. Picard kam nicht dazu, zu widersprechen, denn Riker meldete sich mit der Aufforderung, wir möchten uns doch bitte beeilen, ab. Kurze Sekunden starrten wir vor uns hin. „Wie sollen die sich da oben überhaupt behaupten?“, sagte jemand hinter mir fast flüsternd. Geordi hätte als Chefingenieur eine große Hilfe für die in Not geratene Enterprise sein können. Wir alle wären gern da oben gewesen, auf unserem Schiff. Unsere Mission war erledigt und im Grunde waren wir wirklich nutzlos geworden. „Lassen Sie uns sehen, dass wir hier rauskommen!“, forderte Picard, der wahrscheinlich verstimmt über die Befehlsverweigerung und glücklich über die Entscheidung Rikers zugleich war. Data blickte von seinem Tricorder auf. „Wir sind blind und taub, Sir. In technischem Sinne, meine ich. Ich kann nicht sagen, in welche Richtung wir gehen müssen, denn der Tricorder ist nicht mehr funktionstüchtig.“ „Dann nehmen wir eben irgendeinen Weg! Er wird uns schon rausbringen!“, wetterte ich über allgemeine Mutlosigkeit. Da ließ mich ein monströser Bassschall erbeben. Mein Körper zitterte und reflexartig hielt ich mir die Ohren zu, als die vibrierend laute Stimme aus dem Dunkel zu sprechen begann. Wir suchten, uns umdrehend, nach der Quelle der Worte, die lauteten: „Jeder Weg, den Ihr auch wählen würdet, führte doch zu uns! Alle Wege führen zu uns. Manche davon zu mir!“ Mir? Das konnte kein Borg sein, der da sprach. Sie kannten Individualität nicht. Wie hätte jemand in der Ichform von sich sprechen können, der kollektiv dachte und lebte? „Zeige Dich!“, schrie Worf. „Was bist Du?“, rief Geordi. „Komm raus und kämpfe!“, forderte Geyla und fuchtelte mit ihrem Messer herum. Es ging ihnen vermutlich wie mir. Ich hatte Angst. „Was willst Du?“, brachte jedoch auch ich mit fester Stimme hervor. Die dröhnende Stimme überging sämtliche Aufforderungen und Fragen kommentarlos. „Es ist schön, dich kennen zulernen, Locutus! Ich habe viel von dir gehört.“ Erst jetzt achtete ich auf Picard. Wir starrten ihn an. Er hatte bis jetzt dasselbe getan – abwesend. Zu seiner Zeit als Borg hatte er den Namen „Locutus von Borg“ getragen. Der Captain blickte mit matten, jedoch gefährlich glänzenden Augen auf das grünlich schimmernde Etwas, das sich nun von der Decke abseilte. Es kam rasch näher und wie von Geisterhand begannen sich die Kabel und Röhren an die Seiten des Raumes zu drängen, so dass im Zentrum um uns herum eine Lichtung entstehen konnte. Das Etwas hatte mehrere Gliedmaßen, sechs oder acht, und ähnelte somit von unten stark einer Spinne. Dann setzte es auf und stellte sich zurecht. Etwa drei Meter vom Boden bis zum Kopf war es hoch und besaß neben sechs Beinen, die knochig und spitz zulaufend endeten, noch zwei humanoide Arme mit je sechs Fingern an den zwei Händen. Der Körper war der eines Borg ab dem Beckenknochen aufwärts und saß oben auf der Beinkonstruktion thronend. Der Kopf ähnelte dem eines Menschen oder eines Borg nicht im geringsten. Er war viel größer als ein humanoider Kopf und mit einer schuppigen, reptilischen Lederhaut überzogen. Die Augen leuchteten hellgrün, wobei die Pupillen auf einen senkrechten Spalt beschränkt blieben. Das Wesen hatte keinen Mund, sondern ein Maul, das mit spitzen, zentimeterlangen Reißzähnen bestückt war. Nur einige kleine Implantate an der rechten Kopfseite erinnerten an die Verwandtschaft zu den Borg. Das Wesen stellte ein absolutes Individuum unter Kollektivgeistern dar. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich ein derart abstoßendes, Furcht einflößendes Wesen gesehen. Ein Dämon!, fröstelte ich. Es würdigte uns keines Blickes und es gab Gründe, froh darüber zu sein. Plötzlich überkam mich Wut und Mut und ich schrie es an: „Was hast du mit dem Menschen gemacht, der zuerst hier ankam? Er war verletzt und braucht . . .“ Eine drohende und zugleich zornige Stimme unterbrach mich ohrenbetäubend: „Er braucht eure Hilfe nicht mehr! Es sei denn, ihr seid in der Lage, verdautes Fleisch in seinen ursprünglichen Zustand zurück zu verwandeln.“ Das Monster lachte und spuckte einen Kommunikator auf den Boden, dann würde seine Miene finster – so abgrundtief finster! Ich war zu müde, um durchzudrehen, aber leider stellte ich fest, wie viel Hass einen Menschen erfüllen kann, wie heiß und tief die Wut glühen kann, so tief, dass es weh tut. Friedenslehre, Geschichte, Verhandlungsgeschick, Umgangsformen – alles studiert und verinnerlicht, und dann kommt ein Wesen daher, das seinen Platz in schlechten Horrorfilmen gefunden hätte, und frisst deinen Freund bei lebendigem Leibe auf! Wer verarbeitet so etwas und wie? Ich konnte es nicht fassen. Ich konnte es schlichtweg nicht fassen. Meine Knie wurden schwach und ich fiel zu Boden. Erschossen, erstochen, erwürgt – an diese Arten des Sterbens konnte man sich – so schlimm das klingt – gewöhnen. Doch diese barbarische Untat war absolut schockierend. Geyla packte mich an der Schulter, zog mich wieder auf die Beine und lehnte sich an mich. Sie hatte noch ein, zwei Tränen übrig. Picard spielte gekonnt die klassische Rolle des Captains: „Ich nehme Ihren Angriff auf ein Mitglied meiner Crew zum Anlass, Sie offiziell als Feind der Vereinten Föderation der Planeten zu bezeichnen. Ich fordere des weiteren, dass die Angriffe auf mein Schiff unterlassen werden und uns sicherer Abgang gewährt wird. Sollte dies nicht eintreten, werden Sie mit Konsequenzen rechnen müssen!“ Ich nahm ihm die Botschafterfloskeln nicht eine Sekunde ab. Der Inhalt der Rede war, wenn man unsere derzeitige Position und Situation betrachtete, lächerlich. „Hast du denn alles vergessen, Locutus? Die wunderbare, reine Ordnung, die wir Dir gaben?“, zeigte sich das fremde Wesen etwas enttäuscht. „Ich glaube nicht, dass der Verlust von Individualität durch den Gewinn von Ordnung kompensiert werden kann.“, sagte jemand, der oft mehr Individuum war, als „echte“ Menschen. Data war beinahe ein weiser Mann. Ich fand seine Worte bewundernswert. „Sehr richtig!“, pflichtete Picard ihm bei. „Schweig´ still, Android!“, donnerte das Wesen. Langsam wurde mir bewusst, dass wir anscheinend in eine gut vorbereitete Falle dirigiert worden waren - auch der versiegelte Gang gehörte wohl dazu. Wir waren diesem Borg-Oberhaupt ausgeliefert und die Enterprise war es vermutlich ebenso. „Wir wissen, was ihr getan habt.“, fuhr das Wesen fort. „Unnötig zu erwähnen, dass kein anderes Wesen als ein Borg dieses Sonnensystem jemals lebend wieder verlassen wird.“ Diese Drohung war folgerichtig. „Aber du bist kein Borg!“, unterbrach Geyla und sie sprach wieder aggressiv und herausfordernd als sie fragte: „Was bist du?“ Scheinbar widerwillig ließ sich das Borgwesen zu einer Antwort herab: „Ich bin kein Borg, wie Ihr sie kennt. Ich bin ein Traxit. Mein Volk eroberte einst, vor tausenden von Jahren, Welten und entwickelte aus deren Bewohnern die Borg – und auch wir verbesserten uns kybernetisch erheblich. Seitdem lassen wir die Borg als unsere Sklaven Kriege führen und Welten erobern. Ich bin der Befehlshaber, der große Imperator, unserer Borg-Streitkräfte.“ „Aber die Borg haben eine Kultur! Wir haben den Strahl gesehen.“, sagte ich. „Der Strahl erzählt die Geschichte der Traxischen Streitkräfte – mehr nicht.“ „Und es gibt traxische Heimatwelten?“ „Dutzende! Wir herrschen über den Delta-Quadranten, und bald über die gesamte Galaxis.“ Die Borg sind keine eigene Rasse!, wiederholte ich, um es zu begreifen. „Und die Traxiten sind eine humanoide Kriegerrasse?“, fragte Data. Ich verstand den Sinn dieser Fragen nicht. „Das ist korrekt!“, sagte der Traxit scheinbar stolz. Der Captain kniff kurz die Augen zusammen und kam Data mit der nächsten Frage zuvor: „Die Traxiten sind also von edelblütigem Geschlecht und nutzen die kybernetische Wissenschaft, um sich Soldatensklaven zu erschaffen?“ „Ja, so ist es. Unsere Vorfahren lehrten uns dieses Wissen.“ Der Traxit sonnte sich nun im zweifelhaften Ruhm seines Volkes. Data stellte eine zufriedene Miene zur Schau, der Captain grinste erst, dann lachte er plötzlich. Wir sahen uns verständnislos an. Ich verstand nicht. „Du bist nichts weiter, als ein etwas anders gestalteter Borg! Die Traxit-Geschichte war unterhaltsam, aber haltlos. Willst du immer noch leugnen, auch nur ein Cyborg zu sein, dann denk an die Kabel und Implantate, die dir aus der Wange sprießen wie anderen Leuten die Barthaare! Verbessert habt Ihr Traxiten Euch? Dass ich nicht lache! Vielleicht war es anfangs so, wie Du sagtest, doch dann erhoben sich die Sklaven über ihre Erschaffer. Nichts kann dem Borg-Kollektiv auf Dauer widerstehen. Ich war einst ein Teil dieses Kollektivs – es hat ein eigenes Bewusstsein und selbst ein Borg, obgleich er aus einem anderen versklavten Wesen besteht, lässt sich nicht versklaven!“, schrie der Captain hämisch. Der Spinnen-Borg richtete sich noch weiter auf und ließ seine Stimme wütend dröhnen und stieß unverständliche Laute aus - er brodelte förmlich. Mit einer blitzschnellen Bewegung packte er Picard und zog ihn an sich heran. Mit Worf und Geyla stürzte ich auf das Wesen los, welches sich nicht die Mühe machte, uns zurückzuschlagen. Erneut bewegten sich Kabel und Drähte wie durch Magie und hielten uns fest. Ganz unerbittlich fest! Eine Drahtschlaufe legte sich um meine Hand und schnitt mir ins Fleisch. Ich schrie auf. So sehr man sich auch wand, es war kein Freikommen möglich. „Was soll das ganze Theater mit den Traxiten dann?“, schrie ich fragend in die Runde. „Unsere Assimilierung – möglichst freiwillig – und Zeitgewinn, um die Enterprise zu vernichten, die sich anscheinend wirklich gut hält waren die Ziele!“, schrie Picard mit gepresster Stimme. Data und Geordi hatten indessen ihre Phaser gezogen und gefeuert, aber die Schüsse prallten am Körper des vorgeblichen Borgkönigs ab wie Canonballbälle. Geordi und auch Data wurden daraufhin festgesetzt, so dass unsere Leben endgültig in den Händen des Borgs – um genauer zu sein in den Händen der Borg – lagen. Das monströse Wesen, nun den Triumph genießend, wandte sich Picard zu. „Du bist klug, Locutus! Man merkt dir an, dass du Borg warst.“, sprach der Dinosaurierschädel sanfter und beschwichtigend. Er ließ den Captain los, denn er wusste, dass dieser nichts anrichten konnte. Picard stand ruhig da und wurde für die Taten gelobt, die er so verabscheute. „Damals haben wir dich leider wieder in dein primitives, menschliches Leben zurückgeben müssen - aber du hast eine zweite Chance verdient.“ Nun endlich antwortete Picard: „ Bevor ich wieder ein Borg werde, sterbe ich!“ Wir wussten, dass er es so meinte. „Diese Option kann ich dir leider nicht lassen. In einigen Stunden wirst du nicht mehr Captain Jean-Luc Picard sein, sondern Locutus von Borg – dann für immer. Du wirst dann tun, was ich dir sage! Was wir Dir sagen. Du wirst uns dienen. Du wirst den endgültigen Feldzug gegen die Föderation leiten – in deinem eigenen Schiff.“ „Wieso in der Enterprise?“, flüsterte Geyla, die selbst in Todesangst noch neugierig war. „Wir haben dein Schiff soeben geentert und die Selbstzerstörung unterbrochen, die dein erster Offizier eingeleitet hatte.“ Wir standen mit dem Rücken am Abgrund und die Wand aus Cyborgs drückte uns darauf zu. Einen kurzen Moment dachte ich an Freunde oben auf dem Schiff und ob sie noch am Leben waren. Der Captain senkte in Andacht den Kopf. Er hatte sein Schiff und seine Crew an den Feind verloren. „Ich glaube an sehr wenig.“, sagte er dann. „Aber ich versuche, an Gerechtigkeit in diesem Universum zu glauben. Die Borg werden eines Tages für ihre Taten bezahlen müssen. Niemand kann ewig siegen, niemand kann ewig herrschen und ich freue mich, denn ich weiß, der Tag wird kommen, an dem dies alles hier zu Staub zerfällt.“ Die Wut, der Hass, die Verbitterung seiner Seele ließen seine Stimme vibrieren. Ich starrte den Borg an und lechzte nach einem Zeichen der Einschüchterung in seiner schuppigen Fratze, doch er konterte: „Natürlich zerfällt dies alles hier zu Staub, wenn sich keiner mehr darum kümmert. Wir planen nämlich, unser Hauptquartier bald auf der Erde aufzuschlagen! Sie wird nach Unterwerfung der Föderation eine geeignete Basis für die Assimiliation des gesamten Alpha-Quadranten sein. Euren Klingonen können wir dann gut brauchen. Du wirst eine gute Drohne abgeben, Klingone Worf.“ Das Wesen lachte und Worf spuckte in seine Richtung und wand sich wütend und vergeblich. Wieder zeigte sich Picard unbeeindruckt: „Nur weil ich die Borg führe, ist ihnen der Sieg nicht gewiss. Es gibt klügere, intelligenterere, cleverere und mutigere Menschen als mich.“ „Deine Fehler werden wir mit unserer Zerstörungsmaschinerie ausgleichen. Du siehst, wir ergänzen uns perfekt.“ Der Borg näherte seinen Kopf dem von Picard, um bestimmend fortzufahren: „Verbinde deinen Geist mit unserem! Du sehnst dich nach der Macht und der Ordnung, Du sehnst dich nach dem Kollektiv, Locutus!“ Picard starrte ihn mit glasigen Augen an. Viel zu lange wurde geschwiegen. Picard ließ den Kopf sinken. Ich sah Geyla an. Sie öffnete den Mund, sagte aber nichts. Die Stille wurde durchbrochen: „Ja, . . . ich sehne mich . . .“, stammelte Picard apathisch. „Tun Sie’s nicht, Sir!“, schrie Geordi entsetzt, aber es war zu spät. Der Borg hatte ihm mit breitem Siegergrinsen zwei Anoden in den Schädel implantiert und sich durch Kabel mit dem Gehirn des Captains verbunden. Geyla fing wieder an, sich sinnloserweise zu winden, woraufhin ihr tiefer ins Fleisch geschnitten wurde und sie wütende und verzweifelte Tränen vergoss und einen stummen Schrei ausstieß.. Ich war desillusioniert, spürte Todessehnssucht. Wenn die Bastion Picard fiel, war Widerstnd wohl wirklich sinnlos. Ich hatte diesen Mann bewundert, an ihn geglaubt. Und jetzt besiegelte er das Ende der Menschheit. Nebenbei auch unser Ende. Ach ja, und meines . . . Plötzlich schnellte einer der Fesselschläuche neben mir davon. Data hatte sich irgendwie befreien können und stürzte in Richtung des Borgs. Dieser schien gerade genussvoll Picards Geist umzupolen und ließ sich nur kurz ablenken: „Wenn du näher kommst, Schrottmann, dann töte ich deine Freunde auf der Stelle!“ Data blieb stehen. Worf gefiel das ganz und gar nicht: „Man wird uns sowieso töten. Retten Sie den Captain und das Schiff, Data!“ Data hatte indessen seinen Tricorder gezogen und las laut seine Analyse vor: „Der Borg befindet sich mit dem Captain in einer der vulkanischen Gedankenverschmelzung ähnlichen Phase.“ Wieso der Tricorder wieder funktionierte verstand ich erst viel später. Kaum hatte Data das ausgesprochen, wich das Grinsen vom Gesicht des Borg und sein Körper begann zu zucken. Picards Augen starrten nun keineswegs mehr teilnahmslos ins Leere, funkelten den Borg stattdessen gefährlich an. „Was geht da vor?“, fragte Geordi. Plötzlich wurde ich vom Fesselschlauch furchtbar zusammengequetscht. Ich versuchte, vor Schmerzen zu schreien, aber dazu fehlte mir die Luft. Aus den Augenwinkeln sah ich Geyla, der es ebenso erging. Im nächsten Augenblick wichen die Schmerzen und machten unerwarteter Freiheit Platz: Die Kabel hatten uns losgelassen und hingen schlaff nach unten. Wir stürzten zusammen gekrümmt auf den Boden, richteten uns jedoch bald wieder auf. Picard ließ ein angestrengtes Stöhnen vernehmen und ich sah, dass sein Körper von Vibrationen geschüttelt wurde. Der Borg verdrehte die Augen und fasste sich an die Implantate an seinem Kopf. Unter furchtbaren Schmerzensschreien versuchte er, sie herauszureißen. Picards Blick blieb ungetrübt. Dann öffnete er sogar den Mund: „Ich . . .Geist . . .drücke!“ „Ich glaube, der Captain möchte uns mitteilen, dass er den Willen des Borg brechen konnte.“, analysierte Data. Der Borg wand sich, seine Muskeln kontrahierten ungehemmt, er riss das Maul auf, sprang, wirbelte und schlug um sich. Wir wichen zurück, nur der Captain wich nicht. Er klammerte sich an das wehrhafte Monstrum. Er presste die Augen fest zusammen und die Stirn bildete breite Furchen, als er weiterhin psychischen Druck auf den Gegner ausübte. Verzweifelt suchte ich nach einer Möglichkeit, Picard zu unterstützen, aber . . . Ich sank auf dem Boden und mein Körper sackte in sich zusammen. Ich hatte das Gefühl, nie wieder einen Muskel bewegen zu können. Worf packte sein Bat´telh und schlug auf die zappelnden Beine des Borg-Königs ein. Zwei der knochigen Glieder zerschmetterte er dabei. Das feindliche Wesen stürzte und schien allmählich die Kräfte zu verlieren, denn es verlangsamte seine Bewegungen, bis nur noch vereinzeltes Zucken übrig blieb. Ein schrilles Kreischen war zu vernehmen. Picard indessen lag oben auf, immer noch mit dem Wesen verbunden, aber entspannter. „Jetzt glaubst sogar du, dass . . .“, furchtbarer Hass schmetterte in der wieder erstarkten Stimme des Captains, „ . . . alles einmal ein Ende haben muss! Muss!“ Erschöpft holte Picard nun Luft und niemand traute sich ein Wort zu. „Du Ausgeburt der Hölle!“, schüttelte Picard das leblose Etwas vor sich. Da sprangen bisher nicht zu erkennen gewesene Türen rings um uns herum auf und die uns bekannten Borgdrohnen betraten schleichend in Massen den Raum. „Töten Sie ihn, Sir!“, forderte ich in neu forcierter Todesangst, eine Legion der Untoten auf mich zukommen sehend. „Dadurch töten Sie alle, Captain!“, schrie Geyla, denn niemand zweifelte daran, dass dies nun in Picards Macht lag, war er doch mit dem Kollektiv in einer dominanten Position verbunden. Als Worf erneut sein Schwert zog, blitzte die Luft grell auf und sogar die Borg um uns hielten inne. „Halt! Einen Augenblick! Keiner rührt sich und vor allem nicht Sie, capitaine!“, wies Q alle Sterblichen, Androiden und Kybernetischen energischst zurecht. Picard ließ nicht von seinem Gegner ab: „Ein andermal, Q! Ich bin gerade nicht in der Stimmung für Ihre Scherze!“, fauchte der Captain wie ein verletztes Raubtier. Q schnippte mit den Fingern und unsere Kommunikatoren und auch die Tricorder waren wieder tot – auch deren zeitweiliges Funktionieren war also sein Werk. Er hatte gewollt, dass wir verstanden, was vor sich ging, um Picard und uns alle in genau jene Situation geraten zu lassen, die sich uns jetzt bot. Ihn traf jedoch keine Schuld daran – ohne seine Hilfe, ja es war Hilfe, wäre unsere Situation wohl noch auswegloser gewesen. „Tatsächlich? Sie sind nicht in Stimmung? Ja, das verstehe ich. Es ist heiß und ungastlich hier, nicht wahr?! Wie wäre es in einem wohl temperierten, sauberen Gerichtssaal?“, drohte Q, Picard erneut für die angeblichen Verbrechen der Menschheit verantwortlich zu machen. „Sie wollen mich verurteilen, Q?“ „Mein Kontinuum ist äußerst interessiert an den Vorgängen auf diesem Planeten.“ „Sie haben uns doch erst mit den Borg konfrontiert damals!“, rief Geordi verärgert. Ich ballte die Faust, als mir diese Tatsache bewusst wurde. Q war ebenfalls verärgert, vielleicht sogar nervös: „Sehen Sie, Sie wälzen die Schuld auf andere. Auf mich. Die großartige Föderation hat recht? Fein! Dann sagen Sie mir, Captain Jean-Luc Picard: Was machen Sie da?“ Q zeigte auf den Captain am Kopf des erschlafften Wesens, auf Picard mit Macht über das Kollektiv der Borg. „Ich sorge für Gerechtigkeit.“, kam die knappe und harte Antwort. „Gerechtigkeit? Wessen Gerechtigkeit? Wer sind Sie, dass Sie wissen, was Gerechtigkeit ist? Bekommt die Rasse der Borg keine faire Verhandlung?“ „Sie haben so etwas nicht verdient!“, sagte Picard flacher als zuvor. Q regte sich nun regelrecht auf: „Sind Sie ein Gott? Wenn Sie diese Rasse verabscheuen, müssen Sie auch besser sein als sie! . . .“ „Nein!“, brüllte Picard und fuhr damit Q in die Rede. „Sie haben mich gedemütigt, verletzt, manipuliert . . .“ Der Captain war Tränen der Wut und Verzweiflung nahe. Was hatte dieser Mann für psychische Qualen durchleiden müssen?! „Jetzt habe ich die Macht! Die Macht über die Borg verstehen Sie das?! Ich werde sie nicht verschonen. Diesmal nicht! Niemals! Nein! Nein! Nein! Aah!“ Picard schrie und schlug auf das Borg-Wesen ein, das bewusstlos liegen blieb und sich nicht regte.. Q beugte sich zu Picard hinunter. Mit betont ruhiger Stimme sagte er: „Sie haben die Macht? Ich könnte die Föderation mit einem Fingerschnippen vernichten, Picard! Seien Sie nicht so selbstherrlich. Das widert mich an.“ Picard nahm seinen Blick von Q. „Lassen Sie mich in Frieden, Q!“, hauchte er mit eisiger Stimme. Q erhob sich kurz, ging einige Schritte und drehte sich dann noch einmal in Picards Richtung um. „Können Sie die Vernichtung einer ganzen Rasse allein verantworten, Jean-Luc?“ Dann wandte er sich uns anderen zu. „Können Sie es?“ Dann verschwand er. Die Borg marschierten augenblicklich weiter auf uns zu. Picard brüllte wütend herum, aber ich konnte ihn nicht beobachten. Die bleierne Destruktionswelle aus Borgleibern ergoss sich über uns. Schon hatte ich mein Messer gezogen, um einen Kampf zu führen, der aussichtslos war. Wann würde er zu Ende sein? Picard schrie weiter. Er rang mit sich. Geyla schrie auf und stürzte zu Boden. „Verdammt noch mal!“, fluchte sie. Eine tiefe Fleischwunde durchzog ihren rechten Oberschenkel. Ein Borg beugte sich über sie, verzweifelt stürzte ich los. „Captain!“, schrie ich. Ich sprang, spürte den Luftzug, Geyla schrie – da geschah es. Als wäre die gesamte Welt eingefroren oder zumindest in einer extrem langsamen Zeitlupe gefangen, nahm ich Details um mich herum wahr, die unwirklich wie nie waren. Kampflärm und Schreie wichen endloser einsamer Stille. Ich hörte meinen Schrei und die Schreie anderer scheinbar verzerrt von den Wänden widerhallen. Kein Borg rührte sich mehr. Ich rollte meine Landung ungeschickt ab, packte Geyla am Arm und zog sie hoch. Wir alle sahen zu Picard und rannten auf ihn zu – es war mehr ein Humpeln. Ich sah den bewegungslosen Borg in die Augen – die Pupillen zuckten, doch sonst bewegte sich nichts außer dem einen oder anderen Implantat. Picard hatte sich von den Schläuchen gelöst und lag wie tot ausgepumpt am Boden. Die Borg standen wie Wachsfiguren um uns herum aufgereiht und es war still. „Sir! Captain!“, redeten wir auf unseren Captain ein. „Was haben Sie getan?“ Was mochte uns drohen, was mochte Qs Kontinuum uns antun, wenn Picard alle getötet hatte?! Picard öffnete kurz die Augen. Sein Blick erfasste kurz jeden von uns. Dann sagte er sehr schwach: „Ich sagte . . .zu den Borg . . .Frieden. Nur „Frieden“!“ Dadurch hatte der Mann sie gestoppt - jedoch nicht getötet - dem nun die Augen zufielen. „Alle Borg werden nach Frieden streben und zur Erde kommen sie dann auch nicht mehr.“, sprach ich als Erster eine Hoffnung aus, die Worte Picards begreifend. Einige mit letzter Kraft hervor gebrachte Siegesschreie hallten in der riesigen Kuppel wider. Auch die Enterprise war höchstwahrscheinlich nun gerettet, denn dieses kleine Wort Frieden und seine Auswirkungen hatten sich wie üblich im Borg-Kollektiv rasend schnell verbreitet. Auch unsere Leben und nebenbei . . . sogar meines sollten weiter gehen. „Dieser Frieden wird nicht von langer Dauer sein!“, hörte ich jemanden sagen – ich denke es war Worf. Ich dachte weiter: „Ohne Q wären wir alle zu kaltblütigen Volksmördern geworden.“ Nachdenkliches Schweigen löste den sehr kurzen Siegestaumel ab. „Wir alle hätten sie liebend gern alle umgebracht!“, sagte Geordi und er hatte recht. „Wir müssen Q sehr, sehr dankbar sein!“, begriff ich und fasste mir an den Kopf. Freude und Erleichterung kehrten zurück, als eine vertraute Stimme aus den Kommunikatoren zu uns sprach: „Riker hier. Ich weiß nicht, wie Ihr das geschafft habt, aber die Enterprise . . . oder besser das, was davon übrig ist, gehört wieder uns!“, freute er sich. Wir sahen uns erleichtert an. Kommunikatoren und Tricorder funktionierten wieder – diesmal jedoch vermutlich, weil das Abschirmfeld der Borg ausgefallen war. Die Borgdrohnen bewegten sich plötzlich wieder, doch bevor wir uns erschrecken und zweifeln konnten, sahen wir, dass sie friedlich zu ihren Nischen zurückkehrten. Dort klinkten sie sich ein und fielen sofort in ihren regenerativen Schlaf. „Die Borg werden die neue Information „Frieden“ verarbeiten, das Kollektiv wird abwägen und anschließend den zukünftigen Kurs der Borg festlegen.“, mutmaßte Data. „Wir sollten nicht mehr hier sein, wenn die mit ihren Beratungen fertig sind!“, meinte La Forge und recht hatte er. „Also ab nach Hause!“, schlug Geyla vor. Ich lächelte sie recht glücklich an und sie lächelte zurück. „Data hier. Sechs Personen zum Beamen bereit.“ „Sofort! Ich beame Sie in die Krankenstation. Sagen Sie Lebewohl zu dieser Höllenkugel da unten.“ Noch einmal blickte ich entlang der düsteren Fassade und auf das schlafende Volk der Borg. Wie viele Geheimnisse mussten wir im Strahl zurücklassen? Wie viele hatten wir nun im Computer der Enterprise? Irrelevant. Weg hier! Ein bekanntes Kribbeln, gepaart mit leichtem Schwindelgefühl, transportierte mich und die anderen zurück in den Weltraum, zurück auf die Enterprise.



Sternzeit 48817,9, Lt.Steven Chrysler, Holodeck 3



Durch die goldbraune Flüssigkeit und das kunstvoll geriffelte Trinkglas beobachtete ich, während mich eine wohlige Müdigkeit überkam, das züngelnde Spiel der Flammen im Kamin. Der Whisky war gut und vor allem war er echt und nicht synthetisch hergestellt. Die Wärme des Feuers breitete sich wie eine balsamierende Decke über die müden Knochen, die nach dem Chaos auf Cyborg X einer ausgiebigen Reparatur bedurft hatten. Ich gähnte genüsslich und legte zwei Holzscheite nach, die sofort knisternd und knackend gierig in den Besitz der Flammen übergingen. Die Enterprise war nach unserer Rückkehr sprichwörtlich gerade noch zu retten gewesen. Geordi war richtig betroffen vom katastrophalen Zustand von Waffen, Schilden, Außenhaut und Energieversorgung gewesen. Betroffener waren alle jedoch, als wir von den Verlusten an Bord erfahren hatten. 191 Crew-Mitglieder waren von den Borg getötet worden und die Gedenkfeier war mit das Ergreifendste und Erschütterndste was ich je hatte erleben müssen. Ich schenkte mir nochmals nach und streckte mich in dem alten ehrwürdigen Ledersessel. Auch Geyla schenkte nach und reichte die Flasche schließlich dem jungen Fähnrich Thomas P. Maniac, der viel zu jung für diese Uniform und für diesen Whisky aussah. Ich hatte bis zum Tage der Trauerfeier nichts von Maniacs kleinem Bruder gewusst. Er hatte dankbar stundenlang Geylas Geschichten gelauscht und sah in mir anscheinend eine Art Ersatz als großen Bruder. Verbittert und traurig dachte ich an den Bruder, den ich kürzlich verloren hatte, und an die Freunde, die nun nicht hier sitzen und die Wärme genießen konnten. Geyla trug einen Gewebestimulator an der Risswunde, die ihr der Borg zugefügt hatte. Als sie bemerkte, dass ich sie ansah, lächelte sie sanft um gleich darauf zu gähnen. Der Captain und die anderen hatten sich erholt und taten Dienst – wie immer. Captain Picard behielt keine bleibenden Schäden zurück und sprach zu ihrer Zufriedenheit recht häufig mit Counselor Troi über das Erlebte. Wir hatten den Delta-Quadranten durch das instabile Wurmloch wieder verlassen und nach all den Ereignissen der letzten Zeit hatte diese tödliche Gefahr kaum noch Furcht verbreiten können. Ich sah wieder zu Geyla. Sie war eingeschlafen. Ich musste an die Nacht nach der Rückkehr von Cyborg X denken, die wir bei ihr verbracht hatten. Keine Ausgelassenheit, nur Umarmungen und Dankbarkeit, das Leben zu haben. Q war auch noch einmal mit einem zufriedenen Grinsen aufgetaucht. „Prüfung bestanden.“, hatte er nur kurz gesagt und war wieder verschwunden, bevor wir antworten konnten. Er blieb undurchschaubar. Was sein Werk gewesen und was auch ohne ihn passiert wäre, werden wir wohl nie so genau wissen. Alles in allem hatten sich die Enterprise und ihre Besatzung aber wohl doch ganz passabel geschlagen – in Maßstäben Qs und der Föderation. Vor den Borg würden wir voraussichtlich viele Jahre Ruhe haben, vielleicht auch für immer – das Universum schien nach all den vergangenen Aufregungen ein etwas friedlicherer Ort geworden zu sein. Die Wissenschaftler der Sternenflotte warteten begierig auf die Auswertungen unserer erbeuteten Informationen. Mein Lächeln schwand, als das flackernde Licht des Feuerscheins Geylas Gesicht erhellte und ich mir einbildete, sie habe große Ähnlichkeit mit . . . Dana. Doktor Crusher hatte sie nun doch in eine Gefrierkammer verlegt, als die Stasis zu kritisch geworden war. Wie sinnlos war ihre Krankheit! Wo war dieser Virus überhaupt hergekommen? Eine Tat des Saboteurs dessen Motivation uns weiterhin unklar war? Ich konnte nicht mehr hoffen oder glauben. Ich seufzte laut, doch das Knacken eines Holzscheites übertönte mich. Ich sah auf die Uhr und goss zum letzten Mal nach. Das Ziel lautete Erde, Heimat. Mich dürstete es nach Ruhe. Es war zu viel geschehen!

Die Königin des Alls tauchte auf schneeweißen Schwingen ins einladend heimatliche Dunkel des Alpha-Quadranten und hinterließ ein endloses Meer von funkelnden Sternen auf ihrer Reise durch Raum und Zeit. War das die Ewigkeit, nach der unser Geist unablässig suchte?



Computerlogbuch Nummer 1, Lt. Steven Chrysler, Sternzeit 48332,7, Erde

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