Chrysler-Trilogie, Bd. 1: Die Prüfung

Kapitel I: Restart


Sternzeit 48001.6, Lt. Steven Chrysler, Glasgow, Erde (persönliches Computerlogbuch)


Heute ist es soweit!“, hörte ich Dana im Bad ausrufen. „Ich kann es kaum erwarten, und Du?“, rief sie enthusiastisch, während sie sich ihre Uniform überstreifte. Ich beobachtete sie etwas abwesend und dachte über das bevorstehende Ereignis nach, das wieder für lange Zeit mein Leben beherrschen würde. Mir stand der dritte Start zu einer Mission auf der Enterprise bevor und ich dachte viel darüber nach in diesen letzten Tagen vorher. Den Landurlaub hatte ich mich meinem Bruder David und mit Dana verbracht. Sie war zwei Jahre jünger als ich und es war ihre erste Mission. „Fähnrich McDonaro meldet sich zum Dienst, Sir!“, holte sie mich in die Realität zurück. Sie lächelte mich unbeschwert an und ich versuchte, ebenso unbeschwert zurück zu lächeln. Mein Blick fiel auf ihre Uniform, dann auf den Kom-Schirm auf dem Nachttisch, der eine Außenansicht der Raumdocks zeigte, und letztlich auf meinen Kommunikator auf der kleinen Kommode neben der Tür. Irgendetwas tief in mir kribbelte und ich spürte, dass Missmut oder Befürchtungen eigentlich völlig fehl am Platze waren. Ich freute mich auf das Kommende und so machte ich Dana´s Spielchen mit: „Erlaubnis an Bord zu kommen erteilt!“

Wir packten weiter gemeinsam unsere Sachen zusammen. Dana hatte mich oft gebeten, ihr zu Beginn ihres Dienstes an Bord zu helfen und quasi ihr ständiger Schatten zu sein, doch ich hatte abgelehnt aus Angst, ein zu enges Verhältnis mit ihr eingehen zu müssen und nicht die Entwicklung ihrer Selbstständigkeit zu behindern. Getrennte Quartiere, getrennte Arbeitsbereiche - das machte es auch mir einfacher, meinen Dienst ohne übermäßige Beeinflussungen absolvieren zu können – ein Veteran oder so etwas war ich schließlich selbst nicht. Auch wenn es ein wenig schmerzen würde, sie seltener zu sehen, war das die richtige Entscheidung. Ich freute mich, meine Freunde oder zumindest guten Kollegen von der Brückenbesatzung wiederzusehen: Data, Geordi, Commander Riker, Counselor Troi und Worf. Und auf den Mann, dem ich vertraute und den ich bewunderte: Captain Jean-Luc Picard. Mein eigenes vaterloses Aufwachsen hatte in mir wohl auch die Sehnsucht nach väterlichen Führungspersonen geweckt. Dann freute ich mich auch auf die Junioroffiziere, die ich bei einem Akademiebesuch kennen gelernt hatte: Steve Gold , Marc Frontier, Antonia Marsek und all die anderen. Sie sollte ich jetzt unterstellt bekommen, was mir merkwürdig aber auch angenehm vorkam. Mehr Verantwortung ist gleich mehr Stress!, hatte ich immer gedacht, bis mir klar wurde, dass es im Grunde darauf ankam, doch mehr als ein Mitläufer zu sein. So war dies ein weiterer Grund, mich auf die neue Mission zu konzentrieren und zu freuen. Ich dachte an die Enterprise. „Sie ist phantastisch, Dana. Und treu! Und wunderschön! Sie hat mir mehr als einmal das Leben gerettet.“, platzten meine schwärmerischen Worte in die Stille. „Sie?“, fragte Dana, wobei sie nicht mal von ihrer Liste aufblickte. „Na die Enterprise. Ab heute auch Dein Schiff.“, versuchte ich, sie zu begeistern, als ob ich meine eigene Motivation weiter verkaufen müsste. Ich wusste, dass sie genauso beschäftigt wie ich ihre Gedanken ordnete, aber ich wünschte irgendwie, die Stunden vor dem Start, die letzten auf der Erde für lange Zeit, wären weniger nachdenklich gewesen. „So, ich hab´ alles zusammen!“, schien sie wie aus Trance zu erwachen. Ich schreckte ein wenig auf: „Äh, ja ,ja ich auch.“ „Lass´ uns noch einmal an die frische Luft gehen. Wer weiß, wann wir das nächste Mal festen Boden unter den Füßen haben.“, sagte sie in einem fröhlichen und nicht bedauernden Ton. Wir gingen noch einmal über das Anwesen, dass wir nach recht langem Aufenthalt so gut kannten. Trotzdem sah ich mir alles noch einmal ganz genau an und spürte das Leben und die Frische um mich herum intensiv wie selten zuvor. Doch als ich dann auch wieder ans All denken musste, schallte ein Befehl in meinem Ohr, der mit einem Aufbruchssignal gleichzusetzen war: „Energie!“ Das Durchbrechen der Lichtmauer unter dem Kommando aufrechter, bewundernswerter Vorgesetzter war dann doch etwas, das mich noch anrühren konnte und einfach musste. Einige Zeit später, zurück in unserem Zimmer, warteten wir auf Commander Rikers Stimme, die uns dann auch kurz darauf auf das Hauptraumdock der Erde bestellte.

Die Tür des Transporterraums öffnete sich und urplötzlich drangen Lärm und Hektik hinein. Ich trennte mich kurz von Dana, um mich in Ruhe umzusehen. Sie hatte eh noch irgendetwas zu tun. Ich befand mich im Zentralraum des Docks, einer etwa hundert Meter hohen Halle mit einer bläulich gefärbten Deckenkuppel in deren Mitte sich ein sternförmiges Fenster befand. Die funkelnden Sterne dahinter ließ mein Blick für einen Moment nicht los, bevor ich mich wieder dem Inneren der Halle zuwendete. Sie war in mehrere Ebenen unterteilt, auf denen nun eifrige Betriebsamkeit herrschte. Vom Kadett bis zum Admiral konnte ich sämtliche Offiziersklassen ausmachen. Über alledem prangten die Banner der Sternenflotte und der Föderation als majestätischer Mittelpunkt. „Stevie, komm her! Das musst Du dir ansehen!“, hallte Danas Stimme begeistert durchs Getümmel. Sie stand an einem Fenster der untersten Ebene und blickte fasziniert hinaus. Ich kam hinzu und tat es ihr gleich. Ein erhabener Anblick war das fürwahr! Die Enterprise lag in ihrer ganzen Schönheit und Größe im Raumdock. Die Andockklammern waren noch fest geschlossen, Shuttles kreuzten zwischen ihr und der Station und ein Scheinwerfer schwenkte über die Untertassensektion. Vor meinem geistigen Auge verkörperte die Enterprise ein wildes Pferd – gefangen in seinem Stall. Ich fieberte dem Moment entgegen, in dem sie bereit sein würde, hinaus in die endlose Freiheit des Weltraums zu ziehen, um sich auf ihren silbernen Schwingen durch den schwarzen Samt des Alls zu winden. Wohl einige Minuten verharrten wir so – fasziniert von der Königin der Galaxien. „Sie ist wunderschön, nicht?!“, staunte Dana, konnte jedoch den Blick nicht abwenden. Ich bejahte durch ein einfaches Nicken. Nur ein Nicken, aber es repräsentierte meine Begeisterung und Überzeugung, die mich zur Sternenflotte geführt hatten. Der Forschungsdrang, der Glaube an das Gute, das Gerechte. „Steve? Steven Chrysler, sind Sie es wirklich?“ Ich drehte mich um und sah in ein bekanntes Gesicht. „Chief O´Brien, was machen Sie denn hier!?“ „Das ist ja wirklich eine nette Begrüßung, Steve!“ „Sie müssen schon entschuldigen, Chief. Ich hatte nicht gedacht, Sie vor dem Aufenthalt der Enterprise-Besatzung auf Deep Space Nine wiederzusehen.“, brachte ich freudig überrascht hervor. „Ich bin mit der Defiant hier. In einer Außenmission, Sie verstehen?“, flüsterte er und grinste. Natürlich verstand ich. Eine kleine Gruppe der DS9-Besatzung war nach einer Außenmission auf die Idee gekommen, der Erde einen Besuch abzustatten und dabei gleich den Start der Enterprise mitzuerleben. „Ist das nicht gegen die Vorschriften, Chief ?“,fragte ich amüsiert. „Wir haben Captain Sisko klargemacht, dass die Defiant eine kleine Überholung braucht. Er hat verstanden und zugestimmt.“, antwortete O´Brien und lachte herzhaft. Herzhaft wie er es aufgrund seiner irischen Herkunft stets zu tun pflegte. „Sie sind mit Stevie befreundet, Mr. O´Brien?“, fragte Dana. Erst jetzt nahm ich sie wieder wahr und es passte mir nicht, dass sie diesen albernen Spitznamen gebrauchte. „`Stevie´!, das ist nicht mein richtiger Name, Dana!“, ermahnte ich sie. „Ach lass sie doch . . . Stevie!“, alberte O´Brien und sorgte dafür, dass meine Verärgerung in Erheiterung umschlug. „Schon gut, schon gut!“, entschuldigte ich mich. Allgemeines Gelächter. „Sie sind Fähnrich McDonaro, stimmt’s?“, begann der Chief, ihre Fragen zu beantworten. Dana nickte und O´Brien fuhr fort: „Steve und ich sind seit fast vier Jahren befreundet. Wir hatten auf dem Schiff viel miteinander zu tun und haben uns gut kennen gelernt. Außerdem tut es ‘nem alten Mann wie mir auch mal gut, mit Jüngeren zu verkehren.“ „Da können Sie gleich mit weitermachen, `alter Mann´! Lassen Sie uns auf die alten Zeiten anstoßen!“, schlug ich vor, um mir nostalgische Abschweifungen zu ersparen. Wir redeten noch über eine Stunde lang, doch dann wurde es langsam Zeit, sich bei den Andockschleusen zu melden. Ein letztes Mal blickte ich durch das Fenster in der Kuppel und plötzlich war es wieder da, dieses Gefühl bestehend aus Abenteuerlust, Forschungsdrang und Fernweh. Eigentlich reichen Worte nicht aus, um es zu beschreiben. Ich hatte Dana schon aus den Augen verloren, als ich mich durch eine Menschenmenge Richtung Andockklammer 3 kämpfen musste. Eine Menge Reporter der UPP (United Planets Press) bedrängte Admiral Clarsson und sprach beinahe jeden an, der sich dem Schiff näherte. Ich war nicht erpicht darauf, angesprochen zu werden, doch es geschah, und das grelle Licht, dass mir plötzlich in die Augen schien, machte mich etwas nervös. „Sind Sie hier wichtig?“, fragte mich ein kleiner, hektischer Reporter keuchend. Verdutzt antwortete ich, dass ich „nur“ Lieutenant sei. „Na dann! Kommt, unter Commander läuft hier gar nichts.“ Und weg war das Reporterteam. „Wirklich unglaublich, was die für einen Wirbel machen. Mich haben sie schon viermal interviewt.“ Ich drehte mich um und sah in das amüsierte Gesicht von William Riker. „Will!“, platzte es freudig aus mir heraus. „Entschuldigung – ich meinte: Commander Riker! Schön, Sie zu sehen! Bringen Sie mich bloß hier weg, bevor ich den Abflug verpasse.“ „Na, wie war Ihr Landurlaub mit Dana?“, wollte er wissen, während wir die Unaufmerksamkeit der Reporter nutzten, um in einen hell erleuchteten Verbindungstunnel zur Schiffsschleuse zu gelangen. „Wirklich wunderschön! Wir residierten auf dem schottischen Landsitz der McDonaros. Vor dem Schloss ein herrlich angelegter Rosengarten, dahinter ein traumhafter Lachsfluss.“, schwärmte ich, doch meine wachsende Aufregung konnte ich kaum mehr verbergen. Gleich, gleich sollte es soweit sein. Wir erreichten das letzte Schott. Ein Schritt trennte uns von der U.S.S. Enterprise NCC 1701-D. Riker setzte eine ernste Miene auf und begann feierlich: „So, Lt. Chrysler! Nun werden wir erneut der Menschheit dienen und dorthin vorstoßen, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist. Lassen Sie uns gehen!“ Wir sahen uns an, lachten und betraten dann das Schiff.

Sie war dieselbe geblieben! Alles wirkte vertraut und doch wieder neu. Es war viel Betrieb und doch war es ein Ort der Erholung für mich. Commander Riker entschuldigte sich und verließ mich Richtung Maschinendeck. Während ich langsam durch einen ihrer unzähligen Korridore schlenderte, streifte ich behutsam mit einer Hand an ihrem glatten, silbrig glänzenden Innenmantel entlang. Er war weder warm, noch kalt. Ich erreichte einen Turbolift und las gedankenverloren das Schild an der Tür. Ein junger Fähnrich drängte sich an mir vorbei, um in den Lift zu gelangen. „Sir, wollen Sie auch mitfahren?“, weckte er mich höflich aus einer Art Trancezustand. „Ja, natürlich! Brücke!“, befahl ich. Daraufhin glitt die Tür mit einem sanften Zischen zu und ihr Lift begann, mich ans Ziel zu befördern. Die Tür öffnete sich wieder und ich betrat die Brücke. Eine unendlich große Zahl Erinnerungen an schöne und unangenehme Ereignisse stürzte unvermittelt auf mich ein. Ich blickte auf den Hauptschirm. Dort sah man Shuttles und Drohnen zwischen den vorderen Andockklammern und dem Diskussegment verkehren und dahinter . . . die Erde! Den Ursprung all dessen, was hier tagtäglich geschah und in die Welt hinausgeschickt und hinausgetragen wurde. „Bitte an Bord kommen zu dürfen, Captain!“, ließ ich verlauten, ging zu Picard und reichte ihm die Hand. „Schön, Sie wieder hier zu haben, Steve!“, begann er. „Ich hoffe, Sie haben sich gut erholt. Wir haben eine Menge Arbeit vor uns und ich erwarte wie immer, dass Sie sich voll für das Schiff einsetzen, Lieutenant!" „Aye, Sir! Sie ist bei mir in guten Händen!“ „Sie?“ „Die Enterprise, Captain! Ich habe sie richtig vermisst.“ Lächelnd verabschiedete ich mich vorerst von der Brücke, um in mein Quartier zu gehen. Ich nahm mir genug Zeit, alles in Ordnung zu bringen, blickte dann aus einem Fenster und beobachtete mit tiefer Zufriedenheit die Sterne, die wie funkelnde Diamanten im geschmeidigen, schwarzen Samt des Alls eingebettet lagen. Ich zog mir eine neue Uniform über und ging ins Zehn-Vorne, um Freunde und Bekannte zu treffen und um damit auch sozial-gesellschaftlich anzukommen. Mein erste Schicht ließ noch etwas auf sich warten, also versuchte ich die Zeit zu nutzen. Dana war zeitgleich ebenfalls mit sich und ihrem Quartier beschäftigt und ich fand nicht, dass ich sie um Erlaubnis fragen musste, bevor ich etwas unternahm. Genau das hatte ich ja mit dem Trennen der Quartiere erreichen wollen: Ein gewisses Maß an Freiheit.

Das Zehn-Vorne war ein großer Freizeitraum der sich am vorderen Ende der Untertassensektion auf Deck Nummer Zehn befand. Die meisten Mannschaftsmitglieder trafen sich dort in ihrer Freizeit. Es diente sozusagen als das soziale Zentrum des Schiffes. Es gab auch eine Bar, die von der geheimnisvollen und scheinbar allwissenden Guinan geführt wurde. Sie war merkwürdigerweise wohl eine alte Freundin des Captains und zugleich die erste Alternative zu Counselor Troi. Zudem hatte man hier die beste Aussicht auf die Sterne im ganzen Schiff. Man spielte hier unter anderem dreidimensionales Schach, das eine Version des alten irdischen Strategiespiels darstellte, jedoch auf mehreren Levels gespielt wurde. Das Spielbrett bestand aus drei 4x4 Hauptbrettern und meist fünf 2x2 Nebenbrettern, die ungleichmäßig in verschiedener Höhe an einem Metallgestell angebracht waren. Das Spiel war so etwas wie eine Sternenflottentradition und unter den Besuchern der Bar äußerst beliebt. Alle drei Spielbretter waren besetzt, als ich eintrat. Alle schienen bester Laune zu sein, denn es wurde lautstark erzählt und gelacht. Es war noch viel Personal von der Raumstation an Bord und die zivilen Kellner hatten alle Hände voll zu tun. „Ah, Steve! Sie haben aber schnell zur Bar gefunden. Kommen Sie, setzen Sie sich zu uns!“, begrüßte mich Commander Riker, der es als 1.Offizier gerade nötig hatte. Sein Besuch des Maschinendecks schien nicht besonders aufwändig gewesen zu sein. Counselor Deanna Troi, Lt. Commander Geordi La Forge und Lt. Commander Data saßen ebenfalls am Tisch. „Haben Sie alle so kurz vor dem Start nichts besseres zu tun, als in der Bar herumzusitzen?“, scherzte ich. „Schön, dich zu sehen! Immer noch so respektlos wie vorher, was?“, lachte Geordi. Auch Troi und Data begrüßten mich. „Was möchten Sie trinken, Lieutenant?“, fragte Guinan und schüttelte meine Hand. Ich bestellte koffeinhaltige Brause, ein sehr, sehr altes Getränk von der Erde - unverschämt süß übrigens. „Sind sie zufrieden mit dem Schiff, Commander? Am Warpantrieb soll ja einiges umgerüstet worden sein.“, fragte ich La Forge interessiert. Zufrieden lächelte er mich an und antwortete verschmitzt: „Zur Not können wir immer noch schieben!“ Typisch Geordi! Ich grinste vor mich hin. „ Also ich habe meinen Urlaub auf Coragus IX verbracht!“, ergriff Counselor Troi die Initiative. „Der Sohn eines Botschafters war äußerst aufdringlich. Sie wissen schon: Geschenke, Gedichte, Einladungen. Er ging mir ganz schön auf die Nerven!“ „Kann ich verstehen!“, bestätigte Comm. Riker. „Ich nicht!“, warf Data ein und schon stand eine weitere seiner vielen Fragen über menschliches Verhalten bevor. „Geschenke und Gedichte sind doch Zeichen der Zuneigung und Liebe. Ich verstehe nicht . . . wieso sie störend sein sollen.“ „Ich fühlte mich aber nicht zu diesem Mann hingezogen. Dass er das nicht akzeptiert hat, störte mich. Er war dermaßen hartnäckig, dass er mich jeden Tag besuchen kam. Sehen wir meine Reaktion darauf dann mal als eine erwachsene Variante des Versteckspiels.“, wehrte sich Troi. Überhaupt hatten sich alle viel zu erzählen an diesem Abend, natürlich meist triviale Anekdoten und ähnliches, aber insgesamt war die Atmosphäre gelöst und zuversichtlich. Die Arbeit, genauer gesagt die abschließende Vorbereitung der Enterprise, hatte noch eine Nacht lang zu warten.

Persönliches Computerlogbuch von Lt. Steven Chrysler, Sternzeit 48356,3, U.S.S. Enterprise-D“, so beginnt mein Eintrag dieses Tages. Commander Data suchte mich schon vor meiner eigentlichen Schicht auf, um mich auf die Brücke zu „zerren“. Noch recht müde wurde ich von Worf und La Forge durchs Schiff „gejagt“. Diverse kleine Aufträge, die mich aber trotz der frühen Stunde sogar einigermaßen interessierten. Dabei fielen mir die vielen, eifrigen, jungen Offiziere in den Korridoren auf, die mich höflich mit „Sir“ grüßten und versuchten, Gewinn bringend zu lächelten. Erheitert dachte ich an meine ersten Wochen als Junior-Offizier zurück, in denen ich unglaublich nervös und teilweise auch fahrig bis ungeschickt gewesen war. Früher hatte ich vorwiegend in Fettnäpfchen getreten, heute trat ich gerade Gedanken verloren in den Turbolift. Dieser brachte mich zum Hauptmaschinenraum, dem Reich des Chefingenieurs Geordi La Forge. Als sich die Tür öffnete kam er mir auch schon vor Aktivismus sprühend entgegen. „Dürfte ich Sie um die angeforderten Testergebnisse bitten, Lieutenant!“, fuhr er mich hektisch an. Er bemühte sich dabei vergebens, Stress und Ärger aus seiner Stimme zu verbannen. „Die habe ich Ihrer Assistentin vor bereits über einer Stunde gegeben, Commander!“, konterte ich – ebenfalls gestresst. So grundlos angefahren zu werden, gefiel mir auch bei einem Vorgesetzten noch immer nicht. „Ach ja? Ich habe keine erhalten! Kümmern Sie sich gefälligst darum! Ich hab auch nur zwei Hände!“, schrie er und zähneknirschend machte ich mich daran, seine schusselige Assistentin zu suchen. Zumindest war ich in diesem Moment schlecht auf Fähnrich Sonja Gomez zu sprechen, denn es sollte auch nun noch einige Zeit vergehen, bis ich diese Testergebnisse endlich wieder hatte. Dementsprechend schlecht und aufbrausend war die Stimmung auf dem Maschinendeck, weswegen ich mein Wirkungsgebiet so bald ich konnte auf die Brücke verlegte. Dort waren alle sehr bemüht ein wenig die Hektik zu verdrängen, um dem Captain oder anderen Führungsoffizieren nicht auf die Nerven zu fallen. Kurz gesagt: Die Brücke war voller Menschen, doch es war recht ruhig. Etwas zu ruhig! Plötzlich sprühten Funken aus einem Terminal an der Wissenschaftsstation und mit einem Knall löste sich die Bedienungseinheit des Interfaces von der Decke und fiel zischend und rauchend zu Boden. Geschmolzener Kunststoff fraß sich in den Teppichboden, einige kleine Rauchkringel schwebten in der Luft. Nach einigen erschrockenen Ausrufen der Umstehenden war es nun totenstill geworden. „Kann ich Ihnen helfen, Lieutenant Davis?“, fragte ich den leise in sich hinein fluchenden, am Boden hockenden Mann, der die defekten Kontrollen untersuchte. „Verdammt noch mal! Hauen Sie bloß ab, Chrysler! Ich werde damit nämlich ganz alleine fertig, wissen Sie!?“, fauchte er mich an, was ich von ihm gewohnt war. „Schon gut, Mister Davis! Aber Sie haben doch nur noch zwanzig Stunden Zeit bis zum Start...“, versetzte ich ihm einen kleinen aber gemeinen Gegenstich und verließ dann den sichtlich entnervten, 15 Jahre älteren Brückenoffizier, der mir noch kurz Kopf schüttelnd nachsah. Wahrscheinlich murmelte er wieder etwas von verfluchten Besserwissern und jungen, grünen Hüpfern. An der nächsten Station stand Lieutenant Berry White, der nur ein paar Jahre älter war als ich. Er war etwa 1,90m groß, hatte eine dunkle Haar- und Hautfarbe und liebte Baseball, einen uralten, amerikanischen Sport. Ich dagegen hatte keine Ahnung davon und hielt auch nichts davon, aber so waren die, die Amerikaner. „Hi, Steve! Da du gerade nichts zu tun hast: Gib mir mal den Plasmaregulator!“,sagte Berry. Er bearbeitete anscheinend eine defekte Leitung hinter der Konsole. „Hast du den neuen Lt. Commander schon gesehen, Steve? Ist Dir direkt vorgesetzt soweit ich weiß und nach Data der zweite Operationsmanager. Heißt Garafon oder so.“ „Gustaffson!“, verbesserte ich. Berry griff nach einem anderen Gerät. Natürlich wusste ich von meinem neuen Vorgesetzten, allerdings war ich wenig begeistert von diesem personellen Wechsel. „Ich habe gehört, er ist ein Borg!“, sagte Berry. Ich blickte ihn irritiert an. „Er ist doch Schwede, oder etwa nicht?“, erklärte Berry und lachte ausgelassen, was in der Stille der Brücke besonders unangenehm auffiel. „Sehr witzig!“, erwiderte ich ironisch. Berry war meist der einzige, der über seine Witze lachte. Borg und Gustaffson als schwedische Nachnamen gleichzusetzen war ähnlich überflüssig wie seine Angewohnheit Vulkanier Vulkanisatoren zu nennen. Dennoch war er ein guter Typ. Auf dem Schirm waren immer noch Drohnen zu sehen, die das Schiff umschwirrten wie emsige Bienchen. Captain Picard war momentan noch einmal auf der Raumstation, wo er sich die üblichen Komplimente und Glückwunsche bei diversen Admirals abholen durfte, bzw. musste – nicht umsonst nannten wir einige von ihnen Lamettaträger. Riker und Troi saßen im Befehlsstand und berieten sich. Ich schlenderte ein wenig orientierungslos auf der Brücke herum und so war es nicht verwunderlich, dass ich Worf bisher nicht bemerkt hatte. „Haben Sie eigentlich nichts zu tun, Lieutenant Chrysler?“, fuhr mich der Klingone an. „Äh, ich war gerade im Begriff, aufs Maschinendeck zu gehen, Mister Worf!“, log ich. Mich zog derweil weder Lust noch Pflicht dorthin. „Nein! Gehen Sie zum Holodeck Nummer 3! Commander Data erwartet Sie dort!“ „Wieso zum Holodeck? Das ist doch keine primäre Sektion.“ „Es hat dort einen Energieabfall gegeben und bisher konnte die Ursache nicht gefunden werden.“ „Verstehe! Bin schon unterwegs!“, antwortete ich enttäuscht, da so etwas doch eher Routine war.

Hm!“, dachte ich laut auf dem Weg zum Maschinendeck. „Warum kümmert sich Data selbst um so etwas? Und warum ruft er mich noch dazu?“, redete ich vor mich hin. Normalerweise wurden kleine Energieabfälle von Technikern untersucht, nicht vom Operationsmanager. „Mit wem sprechen Sie . . . Lt. Chrysler? Richtig?“ Etwas aufgeschreckt drehte ich mich herum und sah nun in das ärgerliche Antlitz Commander Gustaffsons. „Sie sollten sich doch heute morgen bei mir melden und sich vorstellen, Lieutenant!“, stellte er in einem kalten, autoritären Tonfall fest. „Sir, ich wurde leider im Maschinenraum aufgehalten. Commander La Forge . . .“ „Commander La Forge interessiert mich nicht, Mister Chrysler! Ich erwarte, dass Sie sich zukünftig an meine Anweisungen halten!“, sprudelte es in einem immer lauter werdenden Wortschwall aus ihm heraus. Ich war es nicht mehr gewohnt, dermaßen zurechtgewiesen zu werden und war dementsprechend angekratzt. Ich dachte viel, sagte aber nur: „Jawohl, Sir!“ Außerdem hatte er mir bis auf die kurze Nachricht, ich solle mich bei ihm melden, keine Anweisungen erteilt. Zugegeben: Meldung machen ist auch ein Befehl, aber meiner Meinung nach konnte dieser Commander ruhig ein wenig warten. Zähneknirschend erreichte ich kurz darauf das Holodeck. Data hatte bereits die Holodeckkontrollflächenverkleidung entfernt. Sein Kopf, für mich unsichtbar, befand sich scheinbar irgendwo zwischen Schaltkreisen in der Wand. Ich begann gerade mit einer Tricorderanalyse, als Data einige orange leuchtende Leitungen vor mir auf den Boden warf. „Ah, Steve, da sind Sie ja endlich. Ich analysiere gerade die Plasmafaserverbindungen. Die Hauptleitung sehen Sie vor sich. Geordi wird ebenfalls gleich eintreffen.“ Der vielbeschäftigte Geordi wurde also auch noch her zitiert? Wenn zwei Lt. Commander und ein Lieutenant einen Energieabfall untersuchen musste schon etwas Außergewöhnliches passiert sein. „Was ist denn eigentlich ausgefallen, Data?“ „Vor einer Stunde, sechs Minuten und siebenunddreißig Sekunden fiel das Energieniveau in Holodeck 3 für 9,781 Sekunden auf weniger als 4%. Das Holodeck war zu diesem Zeitpunkt in Betrieb. Das gesamte Programm, sowie die Lebenserhaltung versagte.“ Besorgt sah ich mir das Ganze noch mal unter diesem doch bedrohlicherem Gesichtspunkt an. Data begann derweil die Leitung intensiv zu scannen. Meine Überlegungen führten zu der Frage: „Commander! Kehrte das Energieniveau danach wieder auf seinen Ursprungswert zurück? Eine Überlastung des Systems hat ja scheinbar nicht stattgefunden.“ „Das ist korrekt!“, reagierte Data bereitwillig. „Alle Werte sind wieder normal. Es gibt allerdings noch keine Erklärung für den Energieabfall. Das Holodecksystem, das Energienetzkontrollsystem und der Bordcomputer konnten in kooperativer Funktion keinen Fehler ausfindig machen.“ Er schloss seinen Scan ab und fuhr fort: „ Auch meine Analyse hat keine Unregelmäßigkeiten aufgezeigt, ebenso wenig der Scan der Plasmaleitung. Dies alles läßt mich zu dem Schluss kommen, dass diese Störung extern ausgelöst worden ist.“ Nach einigen Augenblicken wirkten seine Worte bei mir nach. „Data, heißt das, jemand wollte dem Schiff Energie entziehen? Es sabotieren? Etwa vom Raumdock aus?“, räumte ich ziemlich ungläubig ein. „Ob die Aktion dem Energieentzug diente, kann ich nicht sagen, Steve. Zur Zeit liegen mir für jegliche These zu wenig Fakten vor.“ Mit anderen Worten: Er hatte keine Ahnung! Während mein androider Commander die Plasmaleitung wieder einsetzte, schoss mir einiges durch den Kopf, das ich schnell auch wieder verwarf. „Gehen Sie nun bitte aufs Maschinendeck und informieren Sie Commander La Forge über die bisherigen Erkenntnisse!“ Welche Erkenntnisse?, dachte ich. Geordi schien wohl keine Zeit mehr gefunden zu haben, sich persönlich um die Angelegenheit zu kümmern. „Ich werde mich mit Captain Picard und dem Raumdock beraten.“, fügte Data hinzu, verabschiedete sich und verschwand Richtung Dockklammerschleuse. Seine Ausdauer war beneidenswert, denn als ich etwa zehn Minuten später das Maschinendeck erreichte, war ich schon etwas abgekämpft. La Forge übrigens war viel zu abgelenkt, um sich effektiv mit dem Energieproblem und weiter führenden Thesen zu befassen. Seine Laune hatte sich inzwischen weiter verschlechtert und die des ganzen Teams dazu. Ich zuckte darüber mit den Achseln und entschied mich vorerst dazu, kein weiteres großes Interesse an der Sache zu haben. Sollte Data doch erst einmal mit dem Captain reden. Es würde sich schon von allein erledigen.

Lt. Chrysler, Sternzeit 48358,9, Sporthalle

Gib doch mal ab, Berry!“, schrie ich, doch meine Stimme versagte und klang recht kläglich. Ich blieb ganz kurz stehen, holte tief Luft und nahm Anlauf. Ich hatte den unkontrolliert hüpfenden Ball fast erreicht, als ich plötzlich einen heftigen Stoß hinnehmen musste und zu Boden fiel, wobei ich meinen „Attentäter“ mit zu Boden riss. „Halt!“, unterbrach Commander Riker eilte zum „Unfallort“. „Hi, Steve!“, keuchte Dana. „Alles klar mit Dir?“ „Klar!“, keuchte ich hechelnd zurück. „Könntest Du jetzt bitte von mir runtergehen!?“ „Ungern!“, antwortete sie und grinste mich vielsagend an. „Alles in Ordnung mit Ihnen beiden? Wenn ja, dann geht es sofort weiter! Also los! Hoch mit Ihnen! Lt. White, Sie bekommen den Ball!“, regelte Riker routiniert das Spielgeschehen, wobei er sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte. Wir hatten uns in der Sporthalle getroffen, um Canonball zu spielen – einer Mischung aus Rugby und Basketball. Gespielt wurde in 6er Teams. In Team 1 spielten u.a. Berry, Fähnrich Steve Gold, Fähnrich Sonja Gomez und ich. In Team 2 spielten u.a. Dana, Commander Riker und Lt. Quintero. Bisweilen ging es ziemlich hart zur Sache, was man gleichzeitig als Muskelaufbautraining betrachten konnte. Berry stürmte gerade mit dem Ball aufs gegnerische Punktefeld zu. „Quintero, passen Sie auf Lt. White auf!“, schrie Commander Riker und versuchte vergeblich, Berry einzuholen. Quintero rammte nun Berry und ich nutzte blitzschnell die Chance, den fallen gelassenen, kullernden Ball aufzunehmen. Riker stürzte im Hechtsprung los, verfehlte mich und traf Dana bei seinem Sturz. Sie purzelten wie auf dem Rücken liegende Käfer durch die Gegend. Unbedrängt machte ich den Punkt. „Canonball Fire!“, bejubelte ich ihn. Triumphierend registrierte ich vier auf dem Boden liegende Crewmitglieder, die ich hinter mir gelassen hatte. Ganz nebenbei hatten wir auch noch gewonnen. „Kein schlechter Run!“, lobte Will Riker und rieb sich seine geprellten Knochen. „Aber das nächste Mal . . .“ , drohte er schon an. Lachend ging es unter die Dusche. „Ups!“, merkte Dana an und verzog das Gesicht. Meinen fragenden Blick beantwortete sie mit: „Ich glaube, ich hab mir den Arm gebrochen. Ich gehe gleich mal zu Doktor Crusher.“ „Ich komme mit!“, sagte ich. Wie konnte man solche Schmerzen mit einem „Ups!“ ab tun – ich war beeindruckt. Ganz davon abgesehen hatte ich mir eh bereits Hoffnungen gemacht, den restlichen Abend mit ihr verbringen zu können, was ein bedeutenderer Sieg als der auf dem Spielfeld gewesen wäre.

Wenn Sie weiterhin Canonball spielen, könnte das schlimme Folgen haben. Irgendwann bricht auch mal mehr, als nur ein Armknochen!“, nörgelte Dr. Beverly Crusher ungewohnterweise. „Ich verstehe sowieso nicht, was Sie alle an diesem Spiel finden.“ Sie schaltete das Behandlungsgerät aus. „Es macht einfach Spaß, Doktor!“, antwortete Dana auf die unausgesprochene Frage. Crusher schritt durch die zur Zeit unaufgeräumte und unbelegte Krankenstation. Sie wirkte erschöpft und nachdenklich und ich war mir sicher, dass dieser Zustand mit dem Lebenswandel ihres Sohnes zusammenhing. Er war einmal ein ziemlich guter Freund von mir gewesen , hatte aber kürzlich die Sternenflotte verlassen, um auf irgendeinem abgelegenen Planeten wie ein Aussiedler zu leben. Die Gründe dafür kannte ich nicht, aber Crusher als Mutter litt wahrscheinlich auf eine sehr intensive Art und Weise darunter und wie es für Ärzte typisch war, lenkte sie sich durch die Schmerzen anderer von den eigenen seelischen ab. Sie hatte ihren Sohn über ein Jahr nicht gesehen und ich sprach sie zögernd in der Hoffnung an, sie würde etwas über Wesley erzählen und sich dadurch etwas trösten können. „Ist alles in Ordnung, Doktor?“ „Ja, ja! Alles in Ordnung!“, wehrte sie teilnahmslos ab. Ich sah sie lange direkt an und ihre Augen schienen in einem jungen Mann wie mir ihren Sohn zu sehen. Sie wollte offensichtlich allein sein und ich ärgerte mich darüber, überhaupt etwas gefragt zu haben. Dana und ich verließen kurz darauf die Krankenstation. „Was hältst Du davon, wenn wir uns ein Motion Picture auf dem Holodeck ansehen?“, schlug ich Dana vor. „Was ist denn das?“ „Man nannte es auch Film. Es ist wie die Aufzeichnung eines Theaterstücks. War besonders populär gegen Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts.“ „Ok! Warum nicht?! Was sehen wir denn an?“, freute sich Dana und lief schneller. „Tja, ich weiß nicht! Vielleicht etwas Utopisches aus den 1990ern! Das sehe ich zumindest am liebsten.“ „Ich vertraue Dir!“, lächelte Dana mit einer süßlichen Betonung, die nur ich zu deuten wusste. „Computer! Programm beginnen!“ Ich kann nicht sagen, dass es eine reife und erwachsene Art war, ein Date zu haben, aber ich nahm mit meinem Vorschlag auch meine eigenen Wünsche ernst. Da Dana keinen Gegenvorschlag machte, verließ ich mich darauf, dass sie mich einfach mal austesten wollte bei einer Beschäftigung, die mir gefiel. Der Abend verlief sehr angenehm. Meine Welt war in Ordnung.

Der Start der Enterprise war, wie ich spät am Abend erfuhr, um einige Stunden verschoben worden und nun auf etwa 18Uhr des nächsten Tages festgelegt. Das bedeutet viel Arbeit für den morgigen Tag! Ich war bereit.

Lt.Chrysler, bitte sofort bei Shuttlerampe 3 melden!“, dröhnte Data´s Stimme über den Kommunikator direkt in meine müden Ohren und ließ mein Gehirn vibrieren. Oh, verdammt!, dachte ich wehleidig. Ich hätte Dana nicht noch auf ein paar Gläser Alphataurischen Cocktail einladen sollen. Es war noch ziemlich früh und außerhalb meiner regulären Schicht, aber die Arbeit in der Flotte hieß leben und arbeiten auf Abruf. „Bin schon unterwegs!“, gab ich kurz zurück – eine andere Antwort wäre eh nicht akzeptiert worden. Ich legte die Uniform an und trat in den hell erleuchteten Korridor. Ein wenig geblendet machte ich mich auf den Weg, holte allerdings vorher noch einen Tricorder – und einen Kaffee, was noch wichtiger war. Mir war zwar völlig unklar, was ich im Shuttleraum tun sollte, aber es war auch nicht wirklich der Bereich des Commanders. Gedanken konnte ich mir später machen – wenn Zeit dafür bleiben würde. Ich erreichte den Turbolift, die Tür öffnete sich und wer war schon drin: Commander Gustaffson, der „Borg“. Es war lächerlich, ihn wie einen Lehrer von der Schule zu sehen und mich als ertapptes Kind, aber dieses fiktive Rollenverständnis half mir, meine Agressionen unter Kontrolle zu halten. „Ich hoffe für Sie, dass Sie auf dem Weg zur Brücke sind!“, begrüßte er mich mit unangenehm „uneuphorischer“ Neugier ohne mich eines Blickes zu würdigen. „Nein, Sir! Zur Shuttlerampe 3!“, bemerkte ich missmutig, doch bewusst herausfordernd. Was wollte er schon tun?! „Sie treiben sich also mit voller Absicht außerhalb Ihrer Zuständigkeit herum, Lieutenant?“ „Nicht ganz, Sir! Ich befolge einen Befehl, den mir Lt. Comm. Data gab.“, antwortete ich gelassen und wissend, dass Data in der Kommandostruktur höher als Gustaffson eingestuft war. „Fein!“, bestätigte der und sah mich an, verärgert, mir nichts anderes befehlen zu können. „Es wäre aber sehr nett, wenn Sie sich danach mal bei mir melden könnten.“, säuselte er süffisant und verließ den Lift mit einem triumphalen Grinsen. Es brodelte in mir angesichts dieser Arroganz, doch natürlich blieb ich ruhig. Der Lehrer hatte mich an die Tafel geholt, um mich bloß zu stellen, aber ich hatte die Aufgabe gelöst. Jetzt dachte er sich neue Gemeinheiten aus. Ach ja, diese Vorstellung half. Mich offen mit ihm anzulegen, verbot ich mir – schließlich wollte ich mir nicht schon so früh in der Karriere Tadel und Verweise einhandeln – vor allem nicht wegen solchen Kleinigkeiten.

Was gibt es denn . . .“, begann ich interessiert und setzte dann überrascht fort : „ . . . Data?“ Ich bestaunte das Chaos auf Shuttlerampe 3. Auch hier schien Data gründlich herum analysiert zu haben, denn ein großer Teil der silbergrauen Wandverkleidung lag auf dem Boden. Mein Blick fiel auf freigelegte pulsierende Energieleitungen und auf Data, der seine Tricorderaufzeichnungen mit Computerdaten zu vergleichen schien, als er mich bemerkte. „Guten Morgen, Lieutenant. Entschuldigen Sie, dass ich Sie von ihren Pflichten abhalte.“ Er zögerte. „Commander Gustaffson hat sich bei mir beschwert, dass Sie seiner Zuständigkeit bisher ferngeblieben sind.“ „Was für ein dämlicher Kinderkram!“, dachte ich etwas zu laut. „Sie wissen doch, dass ich in anderen Bereichen des Schiffes beschäftigt war. Jeder will etwas von mir – was Gustaffson will außer mich antreten zu lassen, habe ich noch nicht herausgefunden.“, legte ich schnell energisch nach. „Steve, Sie verstehen, dass ich Sie nicht ständig entschuldigen kann. Er ist nun mal Ihr Vorgesetzter.“ Ich verdrehte die Augen und seufzte. „Als ob ich das nicht wüsste. Ich widersetze mich ja auch nicht bewusst, es ist nur . . .“ Data setzte eine ernstere Miene auf. „Sie werden sich demnächst bei ihm melden, Mister Chrysler!“ Ein Befehl. Eindeutig. Gespräch beendet. Ich hatte einem Lieutenant Commander gegenüber auch etwas zu viel herum geplappert. Ein Fähnrich gab Data ein Testergebnis, woraufhin er den Kopf schüttelte. „Das gleiche Problem wie auf dem Holodeck?“, fragte ich. „Korrekt. Und wieder keine Erklärung.“ Data tippte weiter auf seinem Tricorder herum. Ich fühlte mich überflüssig. „Irgendwelche Probleme, Gentlemen?“, fragte Captain Picard und trat zu uns an ein Kontrollpult. Er war wohl zufällig in der Nähe gewesen. „Bisher besteht voraussichtlich keine Gefahr, Captain.“, erklärte Data. „Ich hätte das aber gerne mit dem Befehlsstab besprochen.“ Captain Picard nickte zustimmend. „Ich schlage auch vor, den Start noch etwas zu verschieben.“, beendete Data. Der Captain blickte entnervt ins Leere. „Auch das noch!“, seufzte er. „Wir werden diesen Punkt besprechen. Weiter machen!“ Er wandte sich um und ging, drehte sich aber noch einmal um, um hinzuzufügen: „Besprechung um 14 Uhr. Sie werden ebenfalls teilnehmen, Lieutenant Chrysler!“ Schadenfroh dachte ich an Gustaffson, der nun noch einige Stunden auf mich würde verzichten müssen.

Die Luft um mich herum war feucht und heiß. Ich versuchte, die Uniform zu lockern, um mir Abkühlung zu verschaffen. Einige Vögel zwitscherten und flogen unbeschwert umher. Behände umsegelten sie die dichten Lianendickichte und landeten elegant auf einer der sternförmigen Blütenknospen, die bis an die Decke des Raumes heranreichten. Wasser rann an großflächigen Blättern und gedrungen wirkenden, sich verjüngenden Stengeln herunter und an den größeren Stämmen bildeten sich kleine Rinnsale. Große Wassertropfen zersprangen auf kleinen Felsformationen, um in einer glitzernden Kristallfontäne zu Boden zu schweben. Langsam wanderte ich weiter durchs Arboretum, den botanischen Garten des Schiffs. In diesem Hort der Ruhe ließ ich mich auf einer Bank nieder. Ich schloss kurz die Augen und sog den süßlichen Blütenduft in meine Lunge. „Aha, noch jemand, der Ruhe sucht, was?“ Davis bog einige Zweige zur Seite und setzte sich neben mich. Ich inhalierte weiter genüsslich den Odem der Natur. Die Anwesenheit eines anderen Menschen störte mich. „Ich muss gleich wieder los!“, seufzte ich melancholisch. „Der Start wird wahrscheinlich verschoben.“ „Schon wieder? Oh, Mann!“, sagte Davis. Stille. Dann fuhr er fort: „Kennen Sie Commander Gustaffson schon? Er . . .“. Davis zögerte, schien nach den richtigen Worten zu suchen. „Andauernd steht er im Weg und stellt unangenehme Fragen.“ Davis sprach mir aus der Seele, als er noch hinzufügte: „Dem würde ich gerne mal ein paar passende Worte sagen!“ Ich nickte und vernahm ein leises Knacken. „Na dann, meine Herren! Lassen Sie mal hören!“ Gustaffson trat vor uns. Ich fluchte still. Das sinnlose Theater ging also in die nächste Runde. „Guten Tag, Sir!“, grüßten wir und taten gleichgültig. „Ich glaube tatsächlich, dass wir uns erst einmal ausführlich unterhalten sollten, damit wir kooperativ und effektiv zusammenarbeiten können.“, setzte er an. Das hörte sich eigentlich nach einem akzeptablem Vorschlag an, doch es sollte scheinbar nicht sein. „Hauptbesatzung sofort auf die Brücke!“, hallte nämlich just in diesem Moment die Stimme des Captains durchs Schiff. Ich dachte es ginge um irgendetwas relativ Belangloses, doch Picard war noch nicht fertig mit seiner Durchsage: „Wir haben Besuch . . .“, er zögerte und setzte seufzend fort: „ . . . von Q!“ Ich verließ sofort den Raum und sprintete in den nächsten Lift. Davis und Gustaffson blieben wortlos zurück.

Q!, dachte ich aufgewühlt. Das allmächtige Wesen Q hatte der Enterprise schon einige Besuche abgestattet und stets für Unruhe gesorgt. Er stammte aus einem Kontinuum, das unserer Dimension kaum ähnlich war. Zeit, Raum und Form spielten dort absolut keine Rolle. Wenn er uns besuchte, nahm er stets die Gestalt eines männlichen Menschen in den Vierzigern an. Bei seinem allerersten Besuch hatte er die Menschheit angeklagt, brutal und uneinsichtig zu sein, und dem Captain die Verteidigung derselben übertragen. Das nächste Mal hatte er Commander Riker überzeugen wollen, Mitglied des Q – Kontinuums zu werden. Doch die folgenschwerste Aktion Qs war es gewesen, die Enterprise in einen weit entfernten Teil der Galaxis zu schleudern, wo sie mit einer destruktiven, kybernetischen Intelligenz, den Borg, konfrontiert worden war. Das hatte unter anderem den Angriff eines Borgschiffs auf die Erde nach sich gezogen und den damit verbundenen Tod zigtausender Menschen bei der daraus resultierenden gewaltigen Raumschlacht bei Wolf 359. Q kam später dennoch ab und an wieder an Bord der Enterprise und ließ zum Beispiel den Captain seine Kadettenzeit noch einmal erleben, wollte uns die Sinnlosigkeit und Gefahr von Liebe aufzeigen oder suchte Schutz, als er für kurze Zeit sterblich geworden war. Er war also ein alter Bekannter, der mit sehr gemischten Gefühlen begrüßt und behandelt wurde, denn häufig tauchte er kurz vor besonderen Ereignissen auf. Seine Kräfte waren schier unbegrenzt. Er konnte sich, andere Personen, Planeten oder Schiffe einfach so per Fingerschnippen durch das Universum transportieren. Zudem war er gegen alle Arten von Waffen immun. Endlich erreichte ich nervös, erwartungsvoll, misstrauisch und verunsichert die Brücke. Aus einer normalen Startvorbereitung war plötzlich eine potentiell extrem gefährliche Situation geworden.

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