Kapitel III: Battlefield
Wenige Stunden später kam es zu den ersten Rendezvous mit anderen Schiffen. Auf dem Hauptschirm erschien eine optische Darstellung der Föderationskampfflotte. Ich machte die U.S.S. Vader aus, die U.S.S. St. Patrick, die U.S.S. Hoth, die brandneue U.S.S.Ocean (Kampfkreuzer) und auch die alte U.S.S. Hood-C, auf der mein Bruder angeheuert hatte. Wie viele?, dachte ich düster, Wie viele werden zurückkommen? Die Enterprise bekam zwei Schiffe der Nebula-Klasse (U.S.S.Berman und U.S.S. Kirk) und zwei Schiffe der Ambassador-Klasse (U.S.S. Skyscooter und U.S.S. Utopia) zugeteilt. Ich wohnte dem Treffen der anderen Captains mit unserem Befehlsstab als Protokolloffizier bei und war froh, alles aus erster Hand erfahren zu können. Riker hatte das für mich eingefädelt.
Zuallererst machte Picard seine Gäste mit dem Delta Empire vertraut, um ihre Meinungen dazu zu hören. Der Captain der Berman war Captain Richter, ein verdienter Mann, der stets Ruhe und Gelassenheit ausstrahlte. Captain Jane Lythgow war überraschend jung für ihren Rang und wirkte vielleicht auch deshalb etwas hektisch und ungeordnet in ihren Aussagen. Sie befehligte die U.S.S. Utopia, eigentlich eine „Forschungsfregatte“ und gerade vom Stapel gelaufen. Captain Boga war offensichtlich afrikanischer Abstammung und hatte einige Monate zuvor von sich reden gemacht, als er ohne die Zustimmung seines kommandierenden Admirals gewaltsam gegen die Rassenunruhen auf Velos IV vorgegangen war. Im Nachhinein hatte ihn eine Sonderkommission von der Anklage der Befehlsverweigerung freigesprochen, da er durch sein Eingreifen Tausenden von Velosianern das Leben gerettet hatte. „Der Mann steht zu seinen Prinzipien!“, hatte Geordi damals anerkennend festgestellt. Boga kommandierte die Kirk, das erste Nebula-Klassen Raumschiff mit Quantentorpedos. Captain Ferrum schließlich war ein recht junger Europäer, der eigentlich als Pazifist bekannt war. Er wirkte sehr ausgeglichen. Sein Schiff war die U.S.S. Skyscooter, ein etwas kleinerer Kreuzer mit guter Bewaffnung. Picard schaffte es indes nicht ganz, den Hass aus seiner Stimme zu verbannen, während er von den Borg sprach. Troi beäugte ihn kritisch, Riker deutete ihr, damit aufzuhören. „Meine Damen, meine Herren!“ Picard atmete tief durch. „Gibt es noch Fragen?“ „Ja, Jean-Luc.“, meldete sich Boga zu Wort. „Wer sagt uns, dass die Borg unsere Flotte nicht wieder in Grund und Boden schießen?“ Picard runzelte die Stirn. „Sie wissen . . .“, fuhr Boga fort, „ . . . dass ich damals bei Wolf 359 nur in einer kleinen Rettungskapsel von der explodierenden Pharao entkommen konnte.“ Boga wusste, daß Picard nicht am Tod all dieser Menschen bei Wolf 359 schuld war. Er hatte schließlich unter dem Einfluss des Kollektivs gestanden. Dennoch reagierte Picard, als ob er allein die Schuld daran tragen würde und ich sah Boga, wie er sich reumütig auf die Lippe biss. „Captain Boga!“ Picard hatte sich gefasst. „Sie haben recht mit ihrer Besorgnis. Allerdings ist zu hoffen, dass die neuen Quantentorpedos größeren Schaden als die Phaser und Photonentorpedos anrichten werden. Darüber hinaus ist die Flotte insgesamt besser bewaffnet: Mister Data, zeigen Sie es uns!“ Data trat an den Wandschirm und rief eine Liste ab. „Die Föderation hat in den letzten Jahren alles daran gesetzt, neue Waffen und Verteidigungssysteme zu entwickeln – allerdings sind die meisten Projekte noch in der Theoriephase.“ Boga, Picard und Richter waren skeptisch, Lythgow fast nervös und Ferrum ergriff interessiert das Wort: „Geben Sie doch mal ein Beispiel, Commander Data! Um wieviel Prozent wurden die Schilde ihres Schiffes verbessert?“ „Die Schilde der Enterprise konnten bei normalem Energieniveau um lediglich 8 Prozent verbessert werden.“, stellte Data fest. „Bei maximal möglicher Leistung käme man auf circa 19,744321 Prozent.“ „Circa?“, sagte ich leise und grinste. „Danke, Mr. Data!“ Picard stand auf und die Wahl seiner Worte pendelte zwischen Gefühl und Protokoll: „Nun denn, Gentlemen, sollten wir alle wieder unsere Plätze einnehmen und uns auf diesen schicksalhaften Kampf vorbereiten. Geben Sie alle ihr Bestes . . .“ Wir alle erhoben uns. Richter und Boga nickten zustimmend. „ . . . und lassen Sie uns denen zeigen, dass wir . . .“ Picard stoppte, holte tief Luft und beendete stolz und vielleicht etwas zu laut: „ . . . ja wir kämpfen und siegen können – dass wir uns nicht versklaven lassen, denn noch sind wir frei und wir werden es auch bleiben!“ In diesem Moment erreichte der Captain sein eigentliches Ziel. Ich verspürte ein starkes Vertrauen in ihn, in uns, in mich, in unser Schiff, in die Föderation - wir können stolz auf das sein, was wir verkörpern und was wir sind : Menschen – Wesen mit Ehre und Stolz, dachten wohl auch die anderen. Alles pathetisch, zugegeben, aber nicht wir hatten diesen Krieg vom Zaun gebrochen – er wurde uns aufgezwungen. „Ich erwarte Ihre Meldungen, wenn wir das Antares-System erreicht haben.“ Die Captains kehrten auf ihre Schiffe zurück. Ich blieb wieder noch etwas dort sitzen, deaktivierte das Protokolldisplay, lehnte mich zurück und betrachtete die goldenen Schiffsmodelle, die an der den Fenstern gegenüberliegenden Wand angebracht worden waren. Das grelle Deckenlicht ließ mich blinzeln und weckte mich aus einer kurzen Träumerei. „Kommst Du nicht mit auf die Brücke?“, fragte William Riker, der als einziger ebenfalls zurück geblieben war und aus dem Fenster starrte. „Gleich, Commander! Gleich!“ Der Raum um mich herum wurde immer größer und es herrschte absolute Stille. Einige Stunden blieben noch.
Ich war zu Dana gegangen, um mich zu entschuldigen, um zu reden. Wer weiß, ob es jemals noch eine Möglichkeit dazu gegeben hätte. Sie weinte nicht mehr. Sie schien sich unter Kontrolle zu haben. Ich fühlte mich dimensionslos: Weder Trauer um Robin, noch Hass auf die Borg, noch Angst oder Freude wegen des Kampfes, noch langsam Aufkeimendes wie Mut oder Hoffnung konnte sich in meinem Kopf durchsetzen. Meine Gedanken trieben steuerlos durcheinander und einige zwängten sich in die kleinsten Ecken meines Bewusstseins. „Ich werde während des Kampfes im Maschinenraum Dienst haben.“, sagte Dana. „Es wird wahrscheinlich . . .“ Sie trat an den Nahrungsreplikator heran und betätigte einige Tasten, woraufhin ein valerianischer Wurzelfladen dampfend erschien. Er sah ziemlich abstossend aus. Dana biss beherzt hinein. „ . . . eine Menge zu tun geben – wie immer eigentlich. Wenigstens sehe ich da unten nicht, was alles auf uns einprügeln wird.“, vollendete sie schmatzend. Ungläubig amüsiert beobachtete ich, wie sie in ungeheurem Tempo die üppige Mahlzeit verschlang. „Vielleicht ist es der letzte!“, mutmaßte sie und dieser Vergleich mit einer Henkersmahlzeit ließ meinen Magen noch mehr verkrampfen. Dennoch hatte sie nicht unrecht und ich zwang mich meinen Magen ebenfalls mit wohlschmeckender Nahrung zu füllen, die Kummer und Zweifel etwas zur Seite schob. Wir verbrachten die nächste Stunde zusammen, doch echte Intimität wollte sich nicht einstellen. Als ich gegen 20 Uhr von Lt. Comm. Gustaffson zu einem Systemcheck in die Stabilisatorenkammer gerufen wurde, war die Enterprise bei Warp 7 noch sechs Stunden vom Antares-System entfernt.
„Na, Chrysler! Nervös?“, fragte Gustaffson etwas spöttisch, wobei ich nicht wusste, was dieser Ton sollte. „Nein, eigentlich nicht besonders, Sir!“, antwortete ich beiläufig. Er verschränkte die Arme hinter dem Rücken und schritt prüfend um mich herum, während ich einige Berechnungen durchführte. „Der junge, stramme Lieutenant ist also völlig furchtlos? Sie sind ja ein wahrer Musteroffizier, Mister Chrysler! Ein Held der Föderation!“ Ich nahm mir nichts von seiner bissigen Ironie an und antwortete ruhig: „Commander, ich habe damals gesehen, wie der Captain zu einem willenlosen Werkzeug der Borg wurde. Seitdem verspüre ich ein wenig Hass und viel Furcht, wenn ich an sie denke. Doch nun, wo der Moment gekommen ist, den Borg wieder gegenüberzustehen, bin ich nicht aufgeregt, weil ich wusste, dass dieser Tag absolut unausweichlich kommen würde. Ich verspüre sehr viel, doch wie ein ins kalte Wasser geworfenes Kind fühle ich mich nun wirklich nicht.“ Ich wunderte mich, meine Gefühle, die mir bis eben nicht klar gewesen waren, nun so klar beschreiben zu können. Warum ich sie Gustaffson offenbarte, weiß ich mir nicht zu erklären. „Ich bin den Borg nie begegnet.“, sagte Gustaffson mit einer Offenheit, die ich nicht von ihm erwartet hätte. „Und ich freue mich weiß Gott nicht darauf.“ Nachdenklich verschwand er und traktierte mich nicht weiter. Von seiner Überwachung befreit, hielt mich bald nichts mehr an dieser überflüssigen Arbeit und deshalb begab ich mich in den Maschinenraum. Ich drehte sozusagen eine Kontrollrunde, wie ein Captain vor der Schlacht sein Schiff inspiziert. Im Maschinenraum traf ich Geordi und Data. „Wenn wir die Phaserfrequenzen vom Computer ständig ändern lassen würden, fiele es den Borg schwerer sich anzupassen.“, schlug Geordi vor. „Ein kluger Vorschlag, Geordi!“, bestätigte Data. „Der Computer wird etwa 15 000 Frequenzen finden.“ „Etwa?“, hakte Geordi schelmisch nach. Für Data war es sehr ungewöhnlich, etwas zu schätzen. Meist bestimmte er alles bis aufs Minimalste. „Nun . . .“, stockte Data leicht, „ . . . er wird 14877 obere Phasenfrequenzen im unteren Frequentierungsbereich der multizentralen Dateisteuerungseinheiten in den Frontphaserbänken finden, Geordi!“ Hätten wir es nicht besser gewusst, hätten wir Data Humor unterstellt. Er blieb natürlich regungslos. Geordi grinste. „Lassen Sie uns weitermachen!“ Die nächste Station auf meinem Rundgang war das Zehn-Vorne, der Freizeittreffpunkt der Besatzung. Alkoholische Getränke waren so kurz vor einem Kampf natürlich weder an der Bar noch an den Replikatoren erhältlich. Kurz dachte ich wehmütig an ein kühles Bier und auch einigen anderen schien diese temporäre Prohibition nicht besonders zu gefallen. Ja, es wäre schön, die Sorgen im Alkohol zu ertränken!, gestand ich mir ein. Aber Probleme werden nicht durch Resignation oder Passivität gelöst, sondern nur durch Taten. Leider! „Hallo, Steve!“, sprach mich Counselor Troi von der Seite an. Ich erschrak leicht. „Was haben Sie?“, wunderte sie sich. „Nichts, ich war nur etwas in Gedanken.“, sagte ich etwas nervöser, als ich eigentlich war. „An was haben Sie denn gedacht?“, wollte sie wissen. „Spüren Sie das nicht, Counselor?“ „Nun, ich gestehe, dass es mir schwer fällt ihre Emotionen zu erkennen, Steve.“ Ich registrierte diese Tatsache mit Genugtuung, da ich es nicht mochte, meine Gedanken mit jemand anderem teilen zu müssen. „Wenn das so ist Counselor . . .“, begann ich ein wenig herausfordernd, „ . . . werden Sie sich wohl auf Ihre Intuition und Ihren Instinkt berufen müssen. Sie sind doch halb menschlich!?!“ „Das ist wahr.“ Deanna Troi wirkte etwas verlegen: „Ich habe allerdings aufgrund meiner emphatischen Fähigkeiten nie wirklich gelernt damit umzugehen.“ „Wie würden Sie meine aktuelle Stimmung charakterisieren, wenn Sie sich nur auf visuelle Werte berufen?“ Ich setzte ein Pokerface auf, wissend nicht gut dabei zu sein. Ich hielt einem durchdringenden Blick stand. „Ich würde sagen, Sie sind ungewöhnlich ruhig und begegnen der Situation mit Gelassenheit.“ „Dem ist leider nicht so, Counselor.“ Sie zeigte sich enttäuscht. „In mir brodeln Furcht und . . .“ Heiß schoss mir das Blut in den Kopf. „Hass!“, ergänzte Deanna eisern und frostig. Die plötzliche Erkenntnis ließ Sorge in ihrem Gesicht entstehen. „Ja, auch das.“, gab ich flüsternd zu. „Bei den meisten an Bord spüre ich zwar Angst oder Anflüge von Verzweiflung, aber Zorn oder gar Hass nur bei wenigen. Beim Captain, bei Will, Worf und einigen wenigen anderen.“ Ich schwieg. „Wir sollten uns darüber unterhalten.“, bot sie an. „Ich finde meine Gefühle nicht ungewöhnlich nach all dem, was die Borg uns angetan haben. Nur weil ich einen Rang unter Ihnen stehe, können Sie mich noch nicht als unzurechnungsfähig einstufen, wenn ich sauer bin. Trauen Sie sich doch an Will oder Picard, bevor Sie mich unter Druck setzen.“, lehnte ich entrüstet ab. „Also eigentlich . . .“, Troi sah zu Boden, „ . . . fühle ich sehr ähnlich, Steve – nur eben Hass ist es bei mir noch nicht. Noch nicht.“ Etwas verwirrt verabschiedeten wir uns voneinander. Wo war denn mein Hass hergekommen, das fragte ich mich. Es war wohl eine Trotzreaktion auf meine Angst. Eine extrem gesteigerte Empörung über den unprovozierten Angriff der Borg auf unsere gesamte Zivilisation.
Ich erreichte die Brücke und sie wirkte vertraut – so, als hätte man mal wieder einen guten, alten Freund besucht. Die „Freundschaft“ zwischen Mannschaft und Schiff war eine Voraussetzung für die Weiterexistenz beider. Bei Fehlern der Besatzung könnte das Schiff plötzlich feindlichem Phaserfeuer ausgesetzt sein und bei einem Versagen der Technik wäre die Mannschaft ebenso der Vernichtung oder Assimilation ausgeliefert. Ich schauderte. Schiff und Besatzung waren vollkommen voneinander abhängig und deshalb galt es nun, das „Gehirn“ des Schiffes, die Brücke, auf Vordermann zu bringen. Ich löste einen jungen Fähnrich an meiner Station ab und stellte eine Grafik über die Föderationskampftrupps auf. Berry kam hinzu. „Meine Schwester ist Fähnrich auf der Skyscooter. Hab ihr immer gesagt, sie soll nicht zur Flotte.“, seufzte er sorgenvoll. „Mein Bruder ist auf der Hood!“, entgegnete ich und dachte ergänzend ähnliches. Ich hatte ein unheimlich oberflächliches und distanziertes Verhältnis zu meinem jüngeren Bruder, doch wünschte ich nun, er wäre so weit von dieser Gefahr entfernt wie möglich. „Was hältst Du von Captain Ferrum?“, wollte Berry wissen. „Du hast ihn doch kennen gelernt.“ „Er ist OK.“, sagte ich. „Wirkte sehr ruhig und besonnen und . . .“ Berrys Miene entspannte sich nicht. „ . . . ich denke nicht, dass er wagemutige Manöver abziehen wird.“, versuchte ich zu beruhigen. „Das kann im Kampf aber verhängnisvoll sein!“ „Nun mal nicht gleich den Teufel an die Wand, Berry!“ „Wozu an die Wand malen? Wir fliegen doch direkt hin. Ein Rendezvous mit dem Teufel – das wird ja eine religiöse Erfahrung, was?!“ „Du übertreibst etwas! Der Teufel ist böse – die Borg kennen die Bedeutung dieses Wortes nicht einmal.“ „Dann ist der Teufel unserer Zeit eben das Fehlen von Emotionen.“ Frustrierter als vorher ging er zurück zu seinem Platz. Grüne Lämpchen signalisierten die Fertigstellung meiner programmierten Grafik. „Computer, zeige mir den Enterprise-Angriffsblock und die bereits positionierten Schiffe!“ Kurzes Piepen, dann erschien die Darstellung auf meinem Display. Die Enterprise flog vorne weg, dahinter die Skyscooter und die Kirk. Es folgte die Utopia und Captain Richter bildete mit der Berman die Nachhut. Etwa zwanzig Schiffe hatten sich bereits im Antares-System versammelt und die Enterprise war bei Warp 5 nur noch circa 3 Stunden entfernt. „Mister Data, wann wird das Borgschiff die Antaresflotte erreichen?“, fragte in diesem Moment auch der Captain. „In einer Stunde, 23 Minuten und 15 Sekunden.“ „Und wann werden wir bei der derzeitigen Geschwindigkeit den Ort des Kampfes erreichen?“ „In zwei Stunden, 47 Minuten und 48 Sekunden.“ „Verdammt!“, fluchte Riker. „Können wir denn nicht schneller fliegen?!“ „Erhöhen auf Warp 8! Geordi soll sehen, wie der Antrieb das schafft.“ Data drehte sich herum: „Captain, selbst bei Warp 9,7 würden wir immer noch zwanzig Minuten zu spät eintreffen.“ Der Captain schüttelte leicht den Kopf. „Melden Sie das Admiral Mason!“ Bedrückende Stille und Frustration herrschte auf der Brücke. Alles war bereit: Die Torpedoluken und Phaserbänke geladen, die Schilde voll funktionsfähig und die Mannschaft hochqualifiziert und –motiviert. Das einzige Problem: Bis die Enterprise als Flaggschiff ins Kampfgeschehen eingreifen könnte, würden schon hunderte Menschen ihr Leben verloren haben – ach was, tausende. Was nützt uns unser starkes Schiff, dachte ich frustriert, wenn wir zu spät kommen, um es einzusetzen? Aber mehr gab unser Antrieb über eine solch lange Flugdauer nicht her, wollten wir eine Überhitzung und Notabschaltung verhindern. „Captain!“ Worf stand Erleichterung ins Gesicht geschrieben. „Admiral Mason meldet, dass sich unsere Flotte auf einen anderen Treffpunkt geeinigt hat.“ Picard stand auf und blickte erwartungsvoll zu Worf hoch, der soeben weitere Daten empfing. „Wir gewinnen dadurch eine halbe Stunde.“ „Sehr gut, Admiral!“, hauchte Picard. „Mister Data, wie ist nun das Verhältnis zwischen Ankunft der Borg und unser eigenen?“, fragte Riker. „Wir werden 3 Minuten und 8 Sekunden nach ihnen eintreffen, Commander.“ „Das ist zu verkraften.“ Der Captain wirkte zuversichtlich. „Geben Sie die neuen Daten an unseren Angriffsblock weiter, Mister Worf!“, befahl Picard. „Lt. Chrysler!“ Der Captain lächelte, als ich mit „Ja, Sir!“ aufsprang. „Da Mister Worf bei der bevorstehenden Aufgabe voll und ganz mit Schilden und Waffen beschäftigt sein wird, teile ich Sie zur Schadensmeldung ein. Jede Beschädigung oder Opfer müssen sofort unaufgefordert gemeldet werden, Lieutenant!“ „Aye, Sir!“ Ich gab rasch neue Modifikationen in meine Konsole ein. Diverse Minuten verstrichen in absolutem Schweigen, während die Enterprise und die ihr folgenden Flügelschiffe Richtung Schlachtfeld rasten. Alle lenkten sich mit irgendwelchen Standard-Aufgaben ab, ich checkte immer wieder meine Anzeigen. Irgendwann endete das Schweigen. „Mister Data, wann erreichen wir die Flotte?“, drängte Riker. „In genau 11 Minuten.“ „Roter Alarm! Alle auf die Kampfstationen!“, befahl der Captain.
Das Licht auf der Brücke hatte sich vom angenehm-hellen zum bedrohlich-dunklen Farbton gewandelt. Rote Warnanzeigen blinkten von sämtlichen Konsolen und von allen sonst unbeleuchteten Wänden strahlten alarmierende rote Signalstreifen ins relative Dunkel der Brücke. Dazu noch dieser unruhige, hohe Sirenenton, der mir durch und durch ging. Bei jedem neuen Alarmton schien mein Herz noch lauter, noch schneller zu schlagen. Nach einigen Minuten wurde er zum Glück abgeschaltet, denn auch das letzte Crewmitglied stand ganz sicher an seiner vorgesehenen Kampfstation. Dennoch war es, als hörte ich die Sirene noch immer – wie ein Phantomhall aus der Finsternis in mir. Das Dunkel hatte mir zuerst ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt, doch die roten Lichter rissen mich immer wieder gnadenlos ins Chaos der Realität zurück. Auch die geistige Flucht aus dieser Situation für nur eine Sekunde misslang fortwährend. „Acht Minuten, Sir! Fünf Minuten bis zur Ankunft der Borg.“ „Waffen und Schilde auf volle Leistung, alle Decks bereithalten! Es ist soweit!“ Picard wirkte siegessicher – zumindest wollte er so wirken. Er starrte auf den Bildschirm. Ob er das beabsichtigt hatte oder nicht, auf jeden Fall schlug seine Stimmung in Ansätzen auf uns alle über. Wenn es seine Absicht gewesen war, dann war das eines von diesen Dingen, die nur ein ausgezeichneter Captain wie Jean-Luc Picard schaffen konnte. Damals wie heute: Der „Beste der Flotte“. „5 Minuten, Sir!“ Wie wenig Vorbereitungszeit hatten unser aller Gefühle und Gedanken auf dieses Ereignis gehabt! „Viele haben Angst, Captain! Aber man vertraut Ihnen!“ Was immer Troi damit sagen wollte, Picard reagierte überhaupt nicht darauf. „Picard an Berman.“ Unser Angriffsblock war noch immer bei uns. „Ja, Jean-Luc?“, meldete sich Captain Richter. „Ich möchte, dass Sie als zweites Frontzielschiff fungieren, Mark!“ „Geht klar, Jean-Luc! Wir schwenken auf Parallelkurs und ziehen die Utopia und die Kirk nach außen mit.“ „Mister Worf, benachrichtigen Sie den Block! Die Skyscooter soll uns auf den rechten Kampfflügel folgen!“ Verwunderung machte sich auf der Brücke breit. Die ungewöhnliche Angriffstaktik des Captains gab Anlass zu Spekulationen. Allerdings sagte niemand etwas. Berry blickte mich wieder besorgt an, Commander Riker machte eher eine bewundernde Geste, Data stutzte überrascht und ich sah vermutlich einfach nur nachdenklich aus. Picard sah nichts von alledem. Worf ließ sich nichts anmerken: „Aye, Sir!“ Es war eine extrem offensive Angriffsformation, aber was hätte zu viel Defensive gegen die Borg auch gebracht. Es galt wohl mehr denn je, Risiken einzugehen. Es wurde wieder kurz gespenstisch still auf der Brücke. „Unser Block hat sich formiert, Sir!“, meldete ich. Stille. Ich sehnte mir den Kampf herbei, denn diese Stille machte mich zu nachdenklich und die anderen wohl auch. Die Sekunden verstrichen. „Captain!“, sagte Worf. „Die Borg sind auf unsere Flotte getroffen!“ Seine Miene zeigte plötzlich eine Bestürzung, als hätte er dem Tod persönlich ins Antlitz gestarrt. Er überprüfte seine Anzeigen und es floss ihm schwerfällig über die Lippen, als er sich durchrang zu einer absolut schockierenden Meldung: „Sir, es sind zwei Borg-Würfel!“ Das war ein plötzlicher und unerwarteter Schlag für uns alle. Es wäre schwer genug gewesen, einen zu zerstören, aber zwei . . . „Zwei?“, fragte Riker bestürzt. „Ja, natürlich!“, hauchte Picard. „Beim ersten Angriff war einer zu wenig. Also verdoppeln diese Bastarde ihre „Flottenstärke“!“ Der Begriff Bastard überraschte, doch störte sich gewiss niemand daran. „Und nun, Captain?“, hatte Troi die entscheidende Frage gestellt und Picard war der einzige, der zu einer Antwort verpflichtet war. „Wir führen den Angriff wie geplant durch!“ Data unterbrach mit einer wichtigen Meldung:„ Wir kommen in zwanzig Sekunden in Waffenreichweite.“ Es war endlich soweit. Endlich trat das Unausweichliche ein. „Auf den Schirm!“ Uns bot sich ein auf den ersten Blick faszinierendes auf den zweiten jedoch erschreckendes Szenario. Es war einfach unmenschlich, so etwas zu erleben! Hier gehörte unsere Spezies einfach nicht hin. Die riesenhaften Borg-Würfel flogen nicht weiter, sie verharrten nebeneinander und boten einen furchteinflößenden, gigantischen Anblick. Einige kleine Föderationsschiffe trieben bereits aufgeplatzt und brennend durchs All, wie gestrandete Insekten auf der Wasseroberfläche. Tausende Tote musste es bereits zu beklagen geben! Unbarmherzig erfassten die Borgwaffen immer wieder die silbergrauen Oberflächen der, im Vergleich, kleinen bis winzigen Föderationsschiffe und versuchten, deren Insassen in ihrem Höllenfeuer vergehen zu lassen. Diabolisch mechanisch! Die Phaser und Photonentorpedos unserer Kreuzer schienen an den riesigen Würfelseitenoberflächen lediglich eine Art energetischer Mückenstiche zu hinterlassen. Nur viel, viel Gift würde dem großen Opfer schaden können. Wir waren an der Reihe, zuzustechen. „Halten Sie sich bereit, Mister Worf!“ Picard stand nun - ihn schien nichts mehr auf seinem Sitz halten zu können. Die Enterprise steuerte den Würfel an, der scheinbar etwas stärker beschädigt worden war. Lächerlich! Das Ding hatte einige mehrere Meter große, funkensprühende Einschusslöcher – auf dieser enormen Fläche lediglich eine minimale Beschädigung. „Das bisherige Flaggschiff Endeavour hat uns die Führung übertragen, Captain!“, sagte Data. „Geben Sie durch, dass sich alle Schiffe neu formieren und zuerst auf den rechten Würfel feuern sollen.“ Die Enterprise kam in optimale Schussweite, ohne bislang getroffen worden zu sein. „Los, Mister Worf! Eine heiße Salve direkt auf den Pelz brennen!“ „Wie meinten Sie, Sir?“, fragte Data. „Feuer!“ „Phaser und Photonentorpedos los!“, meldete Worf. Im nächsten unwiederbringlichen Augenblick hagelte ein wahres Feuerwerk der Destruktion auf den Borg-Würfel ein. Die Enterprise spie einem Drachen gleich Feuer, Gift und Galle. Mit circa 60 Torpedos und zwei Dutzend Phaserstrahlen ließ die geballte Kraft der Flotte ihr Potential auf die raue Haut des Borgschiffs niederprasseln. Recht schwer getroffen kam er etwas aus dem Gleichgewicht und neigte sich leicht in die Vertikale. Dieser Anblick entlockte Riker und mir kurzen Jubel. Unglücklicherweise setzte nun der zweite Würfel zu einem folgenschweren Vergeltungsschlag an. Während er durch gezielte Schüsse die ermatteten Föderationsschiffe zerfetzte, hallte wieder die metallisch-drohende Stimme des Borg-Kollektivs aus den Brückenlautsprechern: „Deaktivieren Sie Ihre Waffensysteme und ergeben Sie sich! Sie werden von nun an leben, um uns zu dienen! Wir werden die Eigenschaften Ihrer Kultur der unseren hinzufügen! Widerstand ist zwecklos! Widerstand ist zwecklos! Widerstand ist . . .“ Data schaltete ab. Niemand war beeindruckt – lieber frei sterben, als die Assimilation und Transformation zum willenlosen Sklaven zu ertragen! Auch der getroffene Kubus schleuderte destruktive Blitze um sich. Der Enterprise-Block war indessen noch intakt. Richter und die anderen unterflogen den unbeschädigten Würfel und ließen einige Salven Photonentorpedos los. Augenblicklich konzentrierte sich das Angriffsfeuer der Borg auf die Berman, wodurch die bereits auseinander fallende, brennende Endeavour vorerst entkam. Die Enterprise und die Skyscooter schwenkten gerade in einen attackierenden Gleitflug gegen den beschädigten Würfel ein, als sich aus dem ständigen Kommunikationswirrwarr eine Stimme herauskristallisierte: „Jean-Luc! Wir brauchen hier dringend Hilfe. Die Blecheimer haben uns hier unten festgenagelt und die Schilde brechen zusammen!“ Es war Captain Richter, der da sprach. Picard schien verärgert: „Captain Richter! Der andere Würfel liegt hilflos vor mir. Wenn wir jetzt nicht zuschlagen, wird er sich bald regeneriert haben.“ „Jean-Luc, ich bitte Sie!“ „Nein!“ Picard ignorierte die Blicke, die Troi und Riker wechselten. „Ich schicke Ihnen die Endeavour! Picard Ende!“ „Aber, Sir!“, widersprach Worf. „Die Endeavour ist schwer getroffen!“ „Dann soll die Hood ihr helfen.“, wimmelte Picard ab. „Zielanflug fortsetzen!“ Ich musste plötzlich an meinen kleinen Bruder auf der Hood denken – verdammt, was nützten ihm diese Gedanken schon!? Der Würfel vor uns hatte noch mehr Kraft in sich, als sein Äußeres vermuten ließ, denn er warf uns sein Fangnetz aus destruktiver Energie entgegen und erzeugte so einen heftigen Ruck auf unserem Schiff. „Verletzte auf den Decks 11 bis 15, Captain! Tote in der Shuttleabteilung – die Kraftfelder sind aktiviert!“, meldete ich. „Schilde auf 80%, Waffen online!“, sagte Worf. Kampfeslust stand in seinem Blick. „Der Antrieb hält!“, klang Geordis Stimme vom Maschinendeck. „Noch.“ „Dann wollen wir mal Jungs! Wenn Ihr nicht mehr zu bieten habt!“, murmelte ich. „Feuer!“ Wir streuten plasmatisches Salz in die Wunden der Borg und die Skyscooter ließ heiße Phaserstrahlen in tiefe Löcher hineinstechen, als sie uns über die zerbombte Oberfläche folgte. Die Enterprise wendete und nahm sich noch einmal feuernd der malträtierten Oberfläche an, während die nachfolgende Skyscooter von einer Oberflächenexplosion fatal getroffen wurde und hilflos in den Raum driftete. „Schnell, Data, bringen Sie uns in Transporterreichweite!“, sagte Riker noch, doch es war zu spät. Der sterbende Würfel schleuderte letzte, verzweifelte Schüsse, die die Skyscooter augenblicklich erfassten und zerfetzten. Berry verkrampfte. Seine Schwester war tot. Picard zeigte keine Bestürzung. Nun wurde die Enterprise heftig unter Beschuss genommen. Erst hätte es mich beinahe aus dem Sitz gerissen, dann fiel das Brückenlicht aus und als die Notbeleuchtung ansprang, explodierte eine Sicherung in der Decke. Die niederfallende Schutzplatte schlug mich schmerzhaft zu Boden. „Meldung!“, brüllte Picard. So schnell ich konnte, wankte ich zu meiner Station. „Sicherheitskraftfelder der Decks 10, 12, 13 und 16 sind aktiviert. Tote und Verletzte auf mehreren Decks.“ „Schilde auf 40%, Captain.“, sagte Worf. „Wir schaffen das nicht allein, Sir! Rufen Sie den Block!“, riet Riker. Picard zeigte sich einsichtig: „Data, rufen Sie die Endeavour, die Hood und die Utopia!“ Data schien noch blasser zu werden, als sonst. „Sir, . . . diese Schiffe gibt es nicht mehr!“ „David . . .!“, flüsterte ich und plötzlich fiel mir das Atmen schwer. Halte den Hass zurück!, schrie ich in mich hinein. Das brachte sogar den Captain aus dem Konzept. Auf diesen Schiffen waren zusammen etwa 2500 Menschen stationiert gewesen. Er atmete tief und lang, starrte an die Wand. Mir schossen Bilder meines nun toten Bruders durch den Sinn und für einen Moment verstand ich keine einzige der Anzeigen vor mir – dieser Moment musste schnell vorüber gehen und tat es auch. „Jean-Luc, wir kommen jetzt und treten den Blechdosen in den Arsch!“, krachte es in diese Stille. Die angeschlagene Berman und auch die Kirk tauchten hinter dem treibenden Würfel auf. Captain Boga schob seine U.S.S.Kirk in die Frontposition und schmetterte über den Kom-Kanal : „ Jetzt machen wir ihnen Feuer unterm Hintern!“ Die einzigen, die in dieser Situation nicht grinsten, so irrational das auch war, waren Worf und natürlich Data, der klugerweise keine Fragen stellte. Die Kirk schickte eine 6er Salve Quantentorpedos auf die Reise – eine unglaublich Leistung ihrer Waffenoffiziere. Riesige Löcher und ein glühendes Chaos aus Leitungen und berstendem Metall waren die Folge. „Mit den allerbesten Grüßen, Mister Worf!“, hauchte Riker, worauf ein tiefes „Aye!“ ertönte. Die vereinte Angriffsenergie der Enterprise und der Berman drang tief ins Herz der Borg, einige andere Schiffe steuerten Torpedos bei – die Vereinigung der föderalen Destruktion war die finale Detonation. In einem gigantischen Chaos aus Feuer und Energie explodierte der Borg-Würfel vor unseren Augen. Atemberaubend . . . schön! Licht und Metall in luftleerem Raum – Plasmafeuer, brennendes Gas und der zerstörte Traum eines Kollektivs. Ich schrie auf und war damit nicht allein. „Captain, sehen Sie!“, unterbrach Data die zaghaft freudige Stimmung. „Der andere Würfel entfernt sich.“ Der eher leicht beschädigte zweite Würfel zerstörte mit gezieltem Beschuss einige weitere Föderationsschiffe, beschleunigte dann aber und verschwand. Er hinterließ noch etwa zwei Dutzend teils leicht, teils stark beschädigte Sternenschiffe. Data meldete den Kurs des Borgschiffes – es verließ den Raum der Föderation. „Das verschafft uns etwas Zeit.“, sagte Riker. Picard starrte auf den Schirm und sagte lange nichts. „Nicht viel, Nummer Eins. Nicht viel!“, sagte er schließlich und es war beinahe ein Flüstern.
Schnellen Schrittes eilte ich durch die Gänge. Die Flotte versorgte so gut es ging die schwersten Beschädigungen und die noch gut intakte Enterprise eilte vielen zu Hilfe, barg Notkapseln und stopfte Kraftfeldlöcher. Nach einigen Stunden hatte sich die Situation auf der Brücke entspannt und ich hatte mich ablösen lassen. Ich musste Dana sehen. „Lieutenant!“, schrie mich ein junger, weiblicher Fähnrich fast hysterisch an und taumelte auf mich zu. Besorgt musterte ich sie. Ihre Haare waren von einer schwarzen Schmorspur durchzogen und ihr Uniformoberteil hing mehr oder weniger in einigen Fetzen an ihr herunter. „Fähnrich Tykoo?“, fragte ich. „Tyka!“, berichtigte sie mich. „Soll ich Sie zur Krankenstation bringen, Fähnrich?“ „Nein, nein.“ Sie wirkte total abwesend. „Ich hab Sie sowieso verwechselt!“ Fassungslos blickte ich ihr nach, als sie den Gang hinunterstolperte. Wankend und lachend verschwand sie in einem leeren Gästequartier. Grübelnd setzte ich meinen Weg fort. War die Crew schon mit den Nerven am Ende? Mehr als ich? Auf jeden Fall herrschte in vielen Sektionen des Schiffes ein ziemliches Chaos. Ich bog in einen Nebenkorridor, als plötzlich eine Person mit lautem Krachen aus der Decke brach und vor mir auf dem Boden landete. „Oh, hi Stevie!“, lächelte mich Dana an und rieb sich den rechten Oberschenkel. Sind denn alle verrückt geworden?, ging es mir durch den Sinn. „Nun sieh mich nicht so an! Ich hab da oben ein defektes Relais repariert.“ Sie grinste verlegen. „Der Plattenrahmen war wohl schon ein bisschen angeschmolzen.“ Prüfend beäugte sie ein Stück der zertrümmerten Deckenplatte. „Was hast Du denn da gemacht?“, fragte sie auf die Wunde an meinem Kopf deutend. Ich schmunzelte. „Da war wohl eine Deckenplatte schon ein bisschen angeschmolzen.“ Wir umarmten uns.
Der Captain hatte kurz darauf jedem Besatzungsmitglied außer dem Notfallpersonal an den notwendigsten Stationen 30 Minuten Zeit für Privates eingeräumt. Einige Paare zogen sich in ihre Quartiere zurück, andere nutzten die Zeit für ein gutes Essen, die meisten saßen apathisch irgendwo herum und viele schliefen einfach dort ein, wo sie gerade waren. Die Enterprise führte derweil die restliche Flotte, oder auch den „Rest der Flotte“, zu einem extrem kurzen Reparaturaufenthalt zur Sternenbasis 3, wobei der Flug dorthin ziemlich lange dauerte, da viele Antriebe mehr schlecht als recht vor sich hin stotterten. Ich beschloss, mich 30 lange Minuten in meinem Quartier zu entspannen. Als ich eintrat zerplatzte dieser Traum jedoch : Ein paar eifrige Mechaniker schmolzen irgendwelche Leitungen unter meinem Fußboden zusammen. Entnervt und frustriert beobachtete ich die Demontage meines Bettes, worunter daraufhin ein weiteres Loch in den Teppich gebrannt wurde. Ohne überhaupt bemerkt worden zu sein verließ ich das Quartier wieder. Wohin nun?, ärgerte ich mich und setzte mich dann missmutig Richtung Krankenstation in Bewegung. Das Kopf brummen wurde lästig! Auf der Krankenstation ging es zu wie auf dem Rummelplatz - nur die gute Laune fehlte angesichts der Flut von Patienten und den hoffnungslos überlasteten Ärzten. Zum Wohle der Allgemeinheit stellte ich mein Wehwehchen hinten an und bahnte mir meinen Weg durch verstörte Menschen und zerstörtes Material hindurch bis zum Zehn-Vorne. Ich machte mir Sorgen über den Zustand der Mannschaft. Etwa zwanzig Minuten später drang eine erleichternde Nachricht aus den Kommunikationsterminals. Aufgrund irgendwelcher Entscheidungen irgendwelcher Admirals und Politiker, die aus irgendeinem Grunde getroffen worden waren, ergab sich ein deutlich längerer Aufenthalt auf Sternenbasis 3, der es uns ermöglichte, diesen fliegenden Sarg wenigstens mal für ein paar Stunden zu verlassen. Neben der Enterprise rastete beim Erreichen der Basis am späten Nachmittag des nächsten Tages die U.S.S. Merrimac ein, ein Stück weiter die U.S.S. Defiant unter Captain Benjamin Sisko von Deep Space Nine. Chief O´Brien war also auch noch mitten ins Kriegsgeschehen hineingeraten. Das hätten wir beide bei unserem Treffen vorm Start der Enterprise noch vor kurzer Zeit nicht erahnen können. Er hatte sich doch soviel Mühe gegeben, etwas Urlaub zu erhaschen und nun … Mit etwa 940 Menschen, einigen Vulkaniern, Benziten, Bolinianern, Bajoranern usw. wartete ich auf die Öffnung der Aussenschleuse der Enterprise. Bisher hatten wir 43 Verluste zu beklagen – schön, nach einem Kampf gegen die Borg nur von Verlusten sprechen zu müssen – und zu können. Auf der Sternenbasis gingen annähernd alle Zivilpersonen von Bord – 203 Kinder und Partner der Crew würden von Bord gehen. Zu ihrem eigenen Schutz wurden die Familien getrennt. Wie fortschrittlich sind wir und doch führen wir Krieg, bringen Leid und Trauer. Na ja, ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass wir nichts dafür konnten – zumindest nicht wirklich. Es war alles sehr merkwürdig. Ich dachte kurz an Q und überlegte, ob er diesen Kampf mit den Borg voraus gesehen hatte. Wahrscheinlich schon. Ich lehnte gelangweilt an der Wand, neben mir stand Data, hinter mir Dana, gefolgt von Geordi, Berry, Lt.Davis und der vulkanischen Krankenschwester Lt.Yama, sowie der vulkanischen Ärztin Doktor Selar. Ich gähnte und zog an meinem Uniformkragen, dann sah ich wieder zu Boden. Nach der Schlacht war mein Kopf einfach nur leer, mein Körper müde. Data musterte mich. „Sagen Sie, Mister Chrysler. Was genau beobachten Sie momentan?“ „Er zählt die Ameisen!“, antwortete Dana mit dem schlechtesten Gag aller Zeiten. „Wissen Sie, Miss McDonaro, das erstaunt mich. Laut der aktuellen Umweltkontrolle kommen auf der Enterprise keine Vertreter der Formicoidea vor.“ Keiner antwortete. „Ah, ich verstehe. Das war ein Scherz, eine Pointe, ein Gag, ein Jux oder ähnliches. Sehr amüsant!“ Regungslos wandte er sich wieder dem Schleusenschott zu. „Achtung!“, hallte es. „Sie werden die Sternenbasis in 20 Sekunden betreten können.“ Ich richtete mich auf. Das Gemurmel hinter mir verstummte. Nur metallisches Knarren, das die langsame Öffnung der Schleuse ankündigte, erfüllte den Raum. „Endlich raus hier!“ „Jetzt lassen wir aber die Sau raus, Leute!“, schrie ein anderer hinter mir. Datas Hinweis, dass die Station weder einen zoologischen Garten, noch eine Farmanlage beinhalte und dass es außerdem verboten wäre, Tiere in den sensiblen Bereichen einer solchen Anlage herumlaufen zu lassen, ging in der Akkustik des anschwellenden Jubelgetöses unter, in das ich nicht einstimmen konnte.
Es ging teilweise zu wie auf einem Volksfest, nur noch viel schlimmer. Die Besatzungen diverser Föderationsschiffe nutzten ihre vielleicht letzte Chance, ausgiebig zu feiern. Das riesige Promenadendeck, gespickt mit einer Fülle von Bars, Restaurants und sonstigen Etablissements, war gerammelt voll. Im besonderen die Bars wurden massenhaft genutzt, was einigen Commandern gehörig den Feierabend vermieste. Etliche Offizier standen in völlig dienstuntauglichem Zustand klatschend und lachend um Tische herum, auf dem sich ihre weiblichen Kollegen tanzend vergnügten. Ich war kein Commander, nein, ich war selbst noch sehr jung und manchmal auch ausgelassen und so sog ich das Leben mit jedem Atemzug dankbar in mich ein – erst widerwillig, dann immer mehr die Realität verdrängend und vergessend. Doktor Crusher, Worf und der Captain waren auf dem Schiff geblieben, aber der Rest des Befehlsstabes, dazu Chief O´Brien und Captain Benjamin Sisko, saßen wie Dana und ich rotbiertrinkend in einem rustikalen Lokal. Sogar Geordi ging einmal richtig aus sich heraus: „Noch eins bitte, Barkeeper! Nein Mister Sisko, was ich Ihnen sagte: Die Borg waren das saftige Fleisch in der Mitte, aber wir waren das Brötchen. Verstehen Sie? Die Enterprise war die obere Hälfte und . . .“ Geordis Stimme überschlug sich ab und an leicht, was auf einige Biere zu viel schließen ließ. „ . . .und die Phaser waren der Senf und die Photonentorpedos die Tomatensoße.“, beendete ich den Satz. Vom humoristischen Standpunkt aus gesehen, mag der Witz flach gewesen sein, aber schallendes Gelächter bestätigte mich. Riker ergriff das Wort: „Counselor, was sagen Sie zu diesem ausgelassenen Treiben hier überall?“ „Hm, natürlich ist Alkohol im Krieg so eine Sache . . . aber wenn Sie wirklich meine Meinung interessiert : Das ist das Beste, was der Besatzung passieren konnte.“ Sie trank ihr Weinglas leer – zum dritten Mal wie ich glaubte. Sisko wurde nun ernst: „ Ich will Ihnen ja nicht die Stimmung kaputt machen, aber was meinen Sie, werden die Borg als nächstes tun?“ Das Lächeln wich aus allen Mienen. „Nun, falls die Borg der Logik in unserem Sinne mächtig sind, wäre es anzunehmen, dass sie ihr Schiff reparieren und ihren Plan zu Ende führen.“, meinte Data, der natürlich nüchtern ebenfalls bei uns saß, was überraschend aber durchaus angenehm war. Die anderen nickten zustimmend, ich aber nicht. „Oder sie holen sich einfach noch ein paar Würfel dazu.“ Betretendes Schweigen kehrte ein, nur Dana hörte ich „Alter Pessimist!“ murmeln. „Wie ist das eigentlich möglich?“ Chief O´Brien hatte sich zuerst gefasst. „Wo kriegen die eigentlich das Material her, die Rohstoffe und vor allem : Wo bauen sie diese Dinger?“ „Nun, vermutlich auf der Heimatwelt.“, sagte ich. „Und wo soll die sein?“, fragte O´Brien frustriert in die Runde. „Irgendwo im Delta – Quadranten!“, antwortete Riker. „Sie kamen zumindest stets aus dieser Richtung.“ Das half uns überhaupt nicht weiter bei dieser großen Entfernung. „Jetzt sind wir wieder soweit wie vorher.“, schimpfte ich selbstkritisch und unzufrieden. „Wir wissen nicht, wie sie ihre Schiffe bauen oder woher sie kommen.“ „Dafür wissen wir, warum sie kommen.“, sagte Deanna Troi und lächelte schief. „Auf jeden Fall wird die Föderation das nicht durchstehen alle zwei Jahre vierzig Schiffe zu verlieren. Selbst die Schiffe zu reproduzieren ist schwer – die Besatzung in diesem Ausmaß nachzuzüchten ist unmöglich.“, sinnierte Sisko. „Vielleicht braucht sich in ein Tagen wenn die Borg zurück kommen und Freunde mitbringen niemand mehr Gedanken darüber zu machen, weil niemand mehr da ist.“, prophezeite O´Brien düster. „Dann müssen wir eben zu den Borg nach Hause fliegen und ihnen in den Arsch treten. Gewaltig in den Arsch!“, stammelte Geordi, das Gesicht auf der Tischplatte. Seine Bemerkung lockerte die Stimmung. „Ich glaube kaum, dass ein Tritt ausreichenden Schaden anrichten würde, Geordi.“, meinte Data. Zufrieden mit der Welt, die es in diesem Moment noch gab nahm ich Dana in den Arm, sah ihr in die strahlenden Augen und trank aus. Ich bestellte meinen nächsten Drink. Noch lange saßen wir so beisammen und jeder genoss den Frieden auf seine Weise.
Sternzeit 48305, 7 , Lt.Chrysler , Sternenbasis 3 (Einige Tage später . . . )
Von den Borg, vom Delta Empire oder von Q hatten wir tagelang nichts gehört. Die Reparaturen an den Schiffen gingen gut voran. Mit der Stimmung ging es ebenfalls deutlich aufwärts und die Familien genossen ihre letzten gemeinsamen Tage. Die Enterprise war derweil wieder voll aufgerüstet und einsatzbereit und Picard schien deshalb auf glühenden Kohlen zu sitzen. „Jean-Luc , da draußen ist doch nichts!“, hatte Admiral Meyer bei der 3. Nachfrage des Captains geantwortet. Wir lagen dennoch tatenlos im Dock, was auch mich etwas verärgerte. Mittlerweile waren sämtliche verfügbaren einsatzbereiten Föderationsstreitkräfte in erdnahe Systeme abgezogen worden, so dass eine doch relativ gewaltige Flotte zum eventuellen Kampf bereitstand – sie beinhaltete jedoch auch die letzten Reserven. Erste Schiffe hatten auch Sternenbasis 3 wieder verlassen, so z.B. zur Überraschung aller Captain Richter´s Berman bereits am dritten Tag - angeblich um Abwehrsysteme an Deep Space Three zu installieren. Die Defiant war kurz darauf zu DS 9 zurückgekehrt. Am nächsten Tag berichtete mir Chief O´Brien bestürzt von der Plünderung der Station durch die Cardassianer. „Auch das noch!“, hatte der Chief gestöhnt. „Jetzt brechen die auch noch ihren Vertrag mit der Föderation. Als ob wir nicht genug Probleme haben.“ Ich vermutete aber eher, dass die Station von den so genannten Final Stage Scamps überfallen worden war, von selbsternannten Space-Piraten, die auch den Cardassianern ein Dorn im Auge waren, da sie auch vor deren Waffen- und Treibstofflagern nicht Halt machten. Diese Piraten hinterließen meist Hinweise auf andere Mächte, um diese gegeneinander aufzubringen und aus den folgenden Unruhen Profit zu schlagen. Die U.S.S. Merrimac, U.S.S. Ocean und auch Captain Boga´s U.S.S. Kirk hatten mittlerweile die Station verlassen müssen, da sie zum Patrouillendienst eingeteilt worden waren. Nun, am sechsten Aufenthaltstag, lag die Enterprise also recht einsam in den Klammern. Routine, Prozedere, Tagesordnung, Alltag – das war los, sonst nichts. Unsere Welt war zumindest potentiell in Lebensgefahr und wir konnten nichts tun, um diese schwache Position zu verbessern. Am 7. Tag, nach einer Woche Nichtstun, konnte sich Captain Picard endlich gegen Bedenken des Flottenkommandos durch: Wir wurden erneut in den Cassidy-Cluster geschickt.